Jakobus merkte: es waren in diesem Mädchen ganz andere Kräfte lebendig, es war ein Licht in ihr in einer fast wilden, unbändigen Helligkeit, das nun in ihn hineinstürmte.
»Es hat noch niemand so mit mir gesprochen,« sagte er.
»Mit mir auch nicht!« lachte sie – »sonst wär' ich nicht so querköpfig geworden. Querköpfig daheim und querköpfig unter den Menschen. Ich ecke an, wo ich mich sehen lasse.«
»Mit Ihrer Kunst auch?« fragte Jockele.
»Ach Unsinn – oder besser: leider nein; denn was ich schaffe, schaff ich für mich, zu einem Mehr reicht's nicht aus.«
»Und sind mit solcher Erkenntnis Kunstgewerblerin geworden?«
»Nein, lieber Jakobus Sinsheimer! Ich bin nur dazu gegangen, damit ich aus Verhältnissen herauskam, die mich in ein paar Jahren auch um das betrogen hätten, was mich heute noch apart – oder sagen Sie: so fröhlich eigenwillig macht. Mein alter Herr ist Fabrikbesitzer in Bonn, er ist ein reicher Mann – na, was soll ich Ihnen sagen: da fliegen die heiratslustigen jungen Männer ins Haus, daß es eine Art hat! Natürlich – ich will heiraten – aber ich will heiraten … Sie verstehen ja davon nichts! Sehen Sie, wenn es nach mir gegangen wäre, hätt' ich studiert – Kunstgeschichte meinetwegen oder Germanistik, oder auch Staatswissenschaften, und hätte promoviert – aus purem Eigenwillen, wissen Sie. Aber dazu fehlen mir die Zeugnisse. Und so in die Vorlesungen laufen, ohne das Ziel eines Abschlusses mit dem Dr. phil., ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Da hab ich mich nach Weimar gesetzt. Ich liebe diese Stadt, sie ist voll berauschenden Lebens – die meisten laufen daran vorbei mit ihren müßigen Seelen und schwätzen von dem ›Odem einer großen Vergangenheit‹, unter dem ihr kärgliche Licht manchmal ein bißchen ins Wackeln kommt. Ich bin hier, weil ich mir hier selbst gehöre! Alles andere ist Nebensache, und den Titel einer angehenden Künstlerin verbitt' ich mir ein für allemal … Das war eine lange Rede. Ich hätte sie Ihnen erst halten sollen, wenn Sie mal Weltschmerz haben – vielleicht hätte ich Sie dann wieder aufgebaut. Na, Hunger und Weltschmerz sind ja wohl Geschwister. Heut abend um sieben kommen Sie zum Nachtmahl. Und nun fangen Sie wieder an zu arbeiten. Adieu.«
Sie nahm eine Kunstgeschichte vom Regal, setzte sich vor den Tisch am Fenster, und Jockele ging hinüber in seinen Malraum; er ging wortlos und dachte, was das mit ihm wäre? Er hatte dem weichen Frauentum Maria Rehs gegenüber vor einem Jahre die gleiche Willfährigkeit gezeigt wie jetzt dieser leuchtenden Mädchenjugend. Es waren Schauer wollüstiger Ergebenheit, zu beiden Malen, die ihn ganz untergehen ließen in der anderen Art – dort ein weiches frauliches Hinnehmen, das hatte sanfte Hände, denen er sich einst mit geschlossenen Augen ergab … und diese schöne klare Doris Rinkhaus kam über ihn als ein jauchzender Sieg.
Es war eine Sache, die ihm wohl eines Gedankens wert schien, aber er zerbrach sich nicht den Kopf, weder darüber, ob es so in Ordnung sei, noch darüber, ob es daher käme, daß er vom ersten Tage ab nur Frauen um sich gehabt hatte. Auch was in seiner Stellung zum Leben und zu seinem Schaffen etwa auf Rechnung dieser Erziehung zu setzen wäre, fiel ihm nicht ein, zu erwägen – für jeden Menschen ist der Weg siebenmal um die Erde viel kürzer als der in sein eigen Herz. Und zwischen diesem Herzen und den Augen, die ihm am nächsten sind, liegt neunfältige Nacht. Die Tür zu dem Herzen aber ist so fest zu, daß ein großes Glück, welches mit Leichtigkeit den Himmel samt allen Sternen in die Arme schließt, kaum mehr an ihr vermag, als durch das Schlüsselloch zu gucken, ob es dahinter auch wirklich hell ist. Ein großes Leid aber bescheidet sich nicht mit dem Schlüsselloch – ein großes Leid tritt die Tür ein; denn es hat eiserne Füße und Fäuste von Stein.