Auf derlei Gleichnisse verfiel Jockele aber nicht. Und das war gut; sonst hätte seine Jugend ausgesehen wie einer, der in Kniehosen und hohem Glanzhut durch die Welt läuft. – Er steckte noch bis über die Ohren in der landläufigen Weisheit, daß der Mensch zum Arbeiten da sei – eine Sache, die auch der vor seinen Mitmenschen als selbstverständlich anzusehen hat, der da weiß: das ganze Menschengeschlecht wird erst dann in die sehnsüchtig erträumte Gotteskindschaft hineinwachsen, wenn ihm Arbeit und Leben eine fröhliche Gemeinsamkeit geworden sind.

Tante Veronika hatte sich mit dieser Ansicht so viel Himmel erobert, als sich denken läßt; aber wie sie ihre Weisheit dem Jungen beibringen sollte, ohne die heillosesten Verwirrungen in ihm anzurichten, das war ihr dunkel geblieben. Darum hatte sie niemals an diese Dinge gerührt.

Von den jungen Männern, die Jakobus kennen gelernt, erweckte keiner den Wunsch nach engerem Zusammenschlusse in ihm – ein Erbe aus dem Frühlingshause; und an die älteren unter den Akademikern, die schon nahe daran waren, etwas zu sein, hatte ihm die Gelegenheit gefehlt, heranzukommen. Er arbeitete in diesem Sommer mit immer wachsender Zähigkeit. Ein über das andere Mal ging ihm das Vertrauen zu sich selbst in Scherben; dann mußten ihn die Damen aus dem Gartenhause wieder zusammensuchen. Aber raten konnten sie ihm nicht; denn Doris Rinkhaus stand diesen Erscheinungen fremd gegenüber, und in Maria Reh traten sie zutage als Verstimmungen leichterer Art; sie hatte sich schon bescheiden gelernt, als sie mit dem Pinsel an ihre erste Leinwand geriet.

In solchen Zeiten war Jakobus Sinsheimer für Gott und die Welt verloren, und Doris Rinkhaus allein durfte es unter Beobachtung aller Vorsicht wagen, ihm über den Weg zu laufen. »Sie sind selbst da noch ein ganz passabler Mensch,« sagte sie und hielt still, wenn ihn einmal ein blitzeschleuderndes Gewitter durchtobte. Maria Reh aber wurde bei solchen Gelegenheiten stets drei Tage unsichtbar für ihn und ließ sich nur langsam wieder finden. Er hielt auch diese Entladungen für ganz in der Ordnung und wurde in seiner Annahme bestärkt, als er einem Zusammenstoße zwischen Maria und Doris beigewohnt hatte, in dem Fräulein Rinkhaus seine Partei ergriff: »In einem jungen Manne, der so allein steht und sich seine Stellung in der Welt zu erkämpfen hat, sammelt sich allerlei Zündstoff – wo will er denn hin damit?« sagte Doris Rinkhaus. Aber Maria Reh redete von ungezogenen Stunden. Sie hatte sich über manche geheiligte Form und Regel des Kleinbürgertum hinweggesetzt, aber sie war doch ohne jene königliche Beschwingtheit der Seele, die der anderen ihren leuchtenden und freien Flug sicherte. So stand Jakobus zwischen den beiden Mädchen, deren gegensätzliche Art den friedlichen Verein der Drei niemals ernstlich in Gefahr brachte – das Barometer maß Tief und Hoch und zeigte so häufig himmelblaue Beständigkeit, als sie von Menschenherzen ohne Schaden ertragen werden kann. Der Wetterwechsel war nicht immer willkommen, aber man schlug seinetwegen den lieben Gott nicht tot.

Dies ganze Jahr war für Jakobus Sinsheimer Kampf, aber es war nirgend Sieg.

Hinter dem kleinen Hause lag ein Gartenwinkel mit Fruchtbäumen, der nach zwei Seiten durch die Gebäude, nach den anderen beiden durch Hecken und Zäune begrenzt wurde, und hinter der einen Hecke erhob sich der Wall mit den herrlichen alten Kastanien. Von dort her durch die Schlüpfe betrat Fridolin Hartwig den Apfelgarten während des Sommers häufig. Er kam immer mit dem leisen Tritt und der tiefen Ruhe des auf ein schönes inneres Gleichmaß gestimmten Menschen und erzählte von einigen Verlagshäusern, von denen er reichliche Einnahmen beziehe. Er war auch nie aufdringlich, suchte sich einen Platz in dem sachte durchsonnten Grase nahe der Staffelei Jockeles, redete dabei von nicht allzu tiefen und nicht allzu gleichgültigen Dingen und lebte sich durch die grüne Sommerstille als ein Mann, der auf Gedanken zu einem tüchtigen Werke wartet. Manchmal sprach er mit Respekt von sich selber, oder er brachte seinem jungen Freunde das Heft einer Zeitschrift, in der sich ein Artikel oder die Fortsetzung eines Romans aus seiner Feder befand, dann sagte er: »Das müssen Sie lesen.« – Wenn es geschah, daß Doris Rinkhaus in dem schlichten blauen Morgenkleide aus dem jenseitigen Gartenteil in ihr Haus schlüpfte, befiel sein besinnliches Wesen eine Bestürzung, und er raffte sich zusammen wie einer, der eine Attacke reiten will. Er war ihr schon vorgestellt worden, aber Doris Rinkhaus hatte ihr Urteil über ihn nicht geändert; nun ließ sie sich zwar sehen, so oft er da war, aber sie setzte ihn auf einen stummen Gruß und wußte: ›die nagenden Augen‹ liefen hinter ihr her, bis der blaue Schein ihres Kleides darin verlöschte – oder auch noch länger.

Jockele begann dieses Verhalten zu belustigen. Einmal sagte Hartwig: »Sie, Herr Jockele, ich glaube, Fräulein Rinkhaus ist eifersüchtig auf mich, oder sie ist hochmütig.«

»Sie ist keins von beiden,« sagte Jockele, »sie ist nur eigenwillig!«

»Hat sie einmal mit Ihnen von mir gesprochen?«