»Ja. Als Sie das erste Mal hier waren, seitdem nie wieder – sie fragte damals die gleichgültigen Fragen. Aber das ist ja natürlich; denn wir drei gehören nun doch zusammen; jetzt sind wir aber nur zwei; Fräulein Reh kehrt erst im September zurück.«

Der Anfang des Augustmonats war regnerisch, da besuchte Jakobus Fridolin Hartwig mehrmals; denn die Bilder, die im Sonnenschatten des Apfelgartens begonnen waren, konnten in dieser Zeit nicht gefördert werden. Einmal fiel ihm die Stille der Wohnung auf, und als er nach den drei Kindern fragte, sagte Hartwig: »Ich habe sie in ein Kloster gegeben. Ich arbeite zuviel, wissen Sie, und sie störten mich häufig. Außerdem konnten wir uns der Erziehung nicht in dem Maße widmen, das wir für wünschenswert hielten.«

Als sie noch redeten, klopfte es an der Tür, und Hartwig ging hinaus. Er sprach da mit einem Manne, der sich nicht abweisen zu lassen schien, und kam nach geraumer Zeit herein und sagte: »Pardon, Herr Jockele – haben Sie vielleicht sechzig Mark bei sich? Es ist mir eine Zahlung ausgeblieben. Ich erstatte Ihnen das Geld in den allernächsten Tagen zurück … Nicht? Das ist peinlich! Sie ahnen nicht, mit welchen Widerwärtigkeiten ein ringender starker Geist zu kämpfen hat!« Dann ließ er den Gerichtsvollzieher eintreten, der im Auftrage des Buchhändlers die Pfändungsmarke an das eichene Regal mit der Prachtausgabe eines Konversationslexikons klebte. … »Guten Morgen, Herr Hartwig.« – »Guten Morgen, Herr Hucke –« Die beiden kannten sich offenbar schon von früher. Und da war die Sache geschehen.

»Brauchten Sie denn zwei Lexika?« fragte Jockele. »Sie haben ja da noch den Herder.«

»Ach, wissen Sie, der enthielt mir zu wenig bibliographische Angaben, und da hab' ich mir noch den Meyer zugelegt – auf Raten, na, und die hab' ich ein paarmal vergessen … das ist doch menschlich, nicht? Wer soll denn solche Lappalien immer im Kopfe behalten?« Hartwig reichte Jockele das Zigarettenetui: »Da,« sagte er, »setzen wir uns einen Dämpfer auf!«

Aber Jakobus Sinsheimer war die Sache auf die Sprache gefallen – – drei Kinder im Kloster, Gerichtsvollzieher, und dabei das großmännische Behaben … Es war von diesen Gedanken und dem sachten Gruseln, das sie Jockele verursachten, nur ein Schritt bis zu Doris Rinkhaus. Er gab sich auch gar keine Mühe, Teilnahme zu heucheln oder sein Befremden zu verbergen, sondern verabschiedete sich und fiel wenige Minuten später in die Ecke des Sofas von Doris Rinkhaus.

Es war für ihn ein ungeheures Erlebnis und brannte ihn, daß er übergekocht wäre. Aber das Rätsel Mensch war in dieser Stunde in einer so fremden Erscheinung vor ihn hingetreten, daß er sich nun vorkam wie in einem nächtlichen Walde. Vor der Ahnungslosigkeit, mit der er diesem Manne gegenübergestanden hatte, bäumten sich alle seine Sinne auf, und er begriff nicht, wie Doris Rinkhaus zu ihrer Hellsichtigkeit kam. Er berichtete mit einer Stimme aus verstürmtem Herzen, und Fräulein Rinkhaus lehnte in ihrem Stuhle wie eine Siegerin und sagte:

»Was wollen Sie, er ist einer von vielen!«

In der Woche danach, als von allen Bäumen wieder die goldenen Flaggen des hohen Sommers wehten, malte Jockele im Apfelgarten. Rings lag bienendurchsummtes Mittagslicht voll Traum und Stille. Da klangen Frauenstimmen auf dem breiten Wege, der von dem eisernen Tore herläuft – und der Pinsel, der das Grün der Baumkronen so besinnlich vor den Himmel auf die Leinwand tupfte, blieb plötzlich auf halbem Wege stehen … »Na!« – Dann ging Jockele bis an die Hausecke und lugte durch die goldgrüne Stille. Wahrhaftig, da wandelte Tante Veronika neben dem blauen Morgenkleide den breiten Weg unter den Kastanien daher – den Kapotthut auf dem weißen Haare, die violetten Seidenbänder unter dem Kinne leicht verschlungen. Der schwarze Spitzenumhang fiel so zier um die kleine feine Person, und die schritt so klar und sauber daher wie ihre Sprache; der gelbe Krückstock stabte immer eine Spanne vor ihrem rechten Fuße – das kam alles stracks heraus aus einer anderen Zeit, es flog ein sachter Lavendelduft darum, und war doch gar nicht altmodisch.

In der Linken die Palette, in der Rechten den Pinsel, und den ein wenig verdrückten Panama weit ins Genick geschoben, so lief er den Damen entgegen und wagte bei Tante Veronika eine Umarmung, die er in gefälligerer Form zu wiederholen versicherte, wenn er das Malzeug los wäre.