»Na!« dachte auch Tante Veronika, als die Sonne dieser freien Augen über sie fiel. Aber wenn sie sich nichts merken lassen wollte, war sie undurchsichtig wie ein Dachziegel. Und jetzt wollte sie sich nichts merken lassen.
Doris Rinkhaus beteuerte: als das große Tor vor Tante Veronika aufgegangen wäre, hätte sie sie schon erkannt. Sie hatte im Liegestuhl unter den Bäumen eine Geschichte von Fridolin Hartwig gelesen – die sie überdies nicht im mindesten berührt hatte –, da war das alte Fräulein an der Treppe des Herrenhauses vorübergeschritten, und der Gedanke war ihr voraufgelaufen: dort hinten, wo die Bäume das flitternde Gold herniederschütteten, dort müßte es sein! Da flatterte ihr das blaue Kleid schon entgegen … »Ich werde Sie doch kennen – sind Sie denn nicht jeden Tag einmal mitten unter uns?«
Aber Tante Veronika wartete mit allem ein bißchen, was sie sagte.
Doris Rinkhaus dachte: »So machen es die alten Damen alle.« Und Jockele meinte: er müßte wohl einen Schritt zurücktreten und sie einmal ordentlich ins Auge fassen; denn Tante Veronika schien ihm nicht mehr ganz richtig zu gehen.
Vor dem Hause blieb das blaue Kleid stehen und sagte: »Es ist nicht sehr wohnlich in der Werkstatt Jockeles – bitte, treten Sie bei mir ein, wenn Sie sich ausruhen wollen; ich werde indes an eine Erfrischung denken.« Und als sie dann durch das Häuschen gingen, lächerte es Fräulein Sinsheimer ein wenig – »Ich wußte schon seit Deinem ersten Brief alles auswendig,« sagte sie; »ich wußte auch, daß diese Studien unten an den Wänden liegen und daß etliche so herumhängen.« Da gestand er ihr, daß ihm die Hobelbank aus der Gartenhütte fehle, und daß er manchmal eine heiße Sehnsucht nach dem ›Laboratorium‹ habe. Tante Veronika sagte: »Wenn Du nach allem noch länger hier bleiben willst, läßt sich das ja wohl auch machen …«
Es guckte aus diesen Worten schon wieder das Warten; sie sah ihm dabei ins Herz, aber sie fand keinen Schatten. Da fing sie in Gedanken gleich an einzurichten – hier könnte ein Tisch stehen, da die Hobelbank doch besser im Gartenhause bliebe, und hier ein Schrank und ein Regal; dazu nähmen sie vielleicht das aus der oberen Giebelstube. … Die ganze Freude, die in der Sorge um den Jungen das späte Glück ihres Lebens geworden war, hatte wieder ihre himmelseligen Schwingen bekommen. Dann faßte sie Jockele unter, wählte noch drei Studien aus, die sie sehen sollte, und führte sie hinüber zu Fräulein Rinkhaus. Vor der Türe wurde ihre Stimme noch einmal vorsichtig: »Kann man denn vor dem Fräulein alles reden, was Dich angeht?«
»Alles!« lachte Jockele aus seinem sommerhellen Gewissen heraus. Und als Tante Veronika in der sicheren Sofaecke die Lippen mit einem Himbeerwasser angefeuchtet hatte, ritt sie geradeaus zur Attacke.
»Es ist gar nichts in Dir in Unordnung geraten?« fragte sie. Da sah sie in zwei Paar erstaunte junge Augen. »Und Du hast auch keinen Boten zu mir gesandt, der mir etwas ausrichten sollte?«
»Boten? Ich? Nein! Womit denn?«