»Nun, eben mit jener Nachricht, daß man über ein paar Verschiebungen leicht wieder ins Gleichgewicht kommen könnte – mehr als hundert Mark seien dazu nicht nötig …«
»Ja, aber liebe Tante Veronika!! Du redest da immer an etwas herum – siehst Du denn nicht, daß Du uns beide peinigst?«
»Verstehen Sie mich, Fräulein Rinkhaus?«
»Auch ich nicht!« sagte Doris, und ihre Augen richteten sich starr und weit offen auf die alte Dame.
»Mein guter Junge,« sagte die und geriet ganz nahe ans Lachen, »es scheint, die alte Tante Veronika ist wieder einmal sehr klug gewesen!« Sie begann, die crèmefarbenen Glacéhandschuhe abzustreifen. – »Ich sehe, Sie haben alle beide keine Ahnung! So lassen Sie mich also erzählen – doch halt: noch eine Frage: Hast Du mich für heute nicht erwartet?«
»Nicht einmal im Traum wäre mir das eingefallen!«
Tante Veronika war nun mitten darin in ihrer lachenden Genugtuung: »Und ich dachte, das Fräulein Rinkhaus hätte mich da vorn in Empfang genommen, weil meinem Jungen am Gerichtstag das Herz ein wenig ins Rutschen gekommen wäre! Nun, es wird ja gleich Tag werden! Es ist da vorgestern ein Herr in Ibenheim erschienen, mit blondem Vollbart und goldener Brille; er schickte seine Karte herein, und ich habe eine Stunde mit ihm geplaudert, die noch netter gewesen wäre, wenn er nicht zuletzt mit der Nachricht aufgewartet hätte, es wäre Dir mit Deinem Geld ein kleines Malheur passiert … ein paar Schulden …«
So erzählte sie. Und dann hatte sich der Herr angeboten, den jungen Mann zu rangieren, und Tante Veronika solle ihm nur gleich die hundert Mark mitgeben … Das hatte sie ihm aber verweigert und war nun selbst gekommen, zu sehen, wie es um ihren Jungen stand.
So hatte sich Fridolin Hartwig einen Weg gesucht, den Zehrpfennig für eine letzte Sommerfahrt zu erlangen, die ihn bis an die Pforte des Vergessens führen sollte! Er hatte das Vertrauen der alten Dame zu dem Jungen als Spieleinsatz darangewagt, und hatte sich nicht gescheut, sich diesen sträflichen Abgang aus dem Leben zu sichern, mit dem er niemals fertig geworden war; denn am Tage darauf, während Veronika schon längst wieder in ihrem Waldhäuslein saß, stürmte Doris Rinkhaus auf die Malwiese Jockeles und stieß einen Indianerschrei aus – Herr Fridolin Hartwig wäre verschwunden und hätte seiner Frau einen Brief zurückgelassen, darin stand:
»Ich bin des aussichtslosen Kampfes mit der Welt müde – in der Stille eines Klosters hoffe ich Rast und Sühne zu finden.«