Ueber diesem Gedanken stieß er alle Türen und Fenster seines Herzens weit auf – aber der liebe glockenklare Morgenwind lief nicht hinein.
Da hatte er nun diese Lippen hingenommen wie der Frühling eine erwachende Blume! Und als Do ihren wissenden Finger erhob, der da fragte: »Sie denken wohl …?« hatte er seine Empörung gegen diesen Finger geblasen.
Nun waren die Küsse der vier Tage, die ihm auf dem morgendlichen Waldgange erdbeerfrisch noch auf dem Munde gelegen hatten, am Wegrande gewachsen!
Er wischte sie mit dem Taschentuche fort und dachte: ein Mädchenmund voll so staubiger Süßigkeiten müßte von Rechts wegen gekennzeichnet sein – und nörgelte eine Stunde lang an der Weltordnung herum.
Es tauchten da und dort morgenlichte Kleider auf, und es blühten da und dort auf umschatteten Wegen junge Stimmen. Da setzte er sich auf eine Bank und saß bis an den Mittag und warf seine Blicke auf jeden Frauenmund – ob er sich an ihm vorüberlachte in der Freude am Licht, ob er voll sehnsüchtigem oder besinnlichem oder dankbarem Traum am Glück sei, oder ob er blühe wie ein Mohnfeld, lichterloh und in seelenzehrendem Brand …
Es war ein qualvolles Studium, und der Teufel half ihm die Küsse zählen, die verschwenderisch auf diese roten Blumen hingedrückt worden, und rieb sich die Hände.
So ließ er an dem Grab, an dem er stand, ›die Schmerzen in Betrachtung übergehn‹ … Er wußte nicht, daß er damit heimlich in die Gärten Goethes getreten war, der also dichtend überwand, was Bitternis auf seine Sonnenwege schattete. Aber nur ein paar Schritte weiter am Wege durch den Schloßgarten wartete ein Erlebnis auf ihn.
Der Traum des Mittags war aufgestanden und wandelte mit erhobenen Händen, unter denen es sonnenstill wird. Die goldenen Netze der Luft fielen über das Atmen der Blumen; helle Menschensinne begegnen in dieser Stunde den Seelen der Bäume …
Als die Dame, mit der Jakobus an diesem Tag in ein Gespräch kam, solche Worte aus einer seherischen Erschütterung ihres Herzens zu ihm redete, wunderte er sich; denn es war eine fremde Art. Die Frauen, die seither um ihn gewesen waren, begriffen die Welt in heiterer Sinnlichkeit – vor allem Gwendolin die Sonnenseitige. Und Doris Rinkhaus war oktoberklar, oder sie war voll Märzenlicht … Er lächelte sich in ein heimliches Vergleichen hinein und merkte, daß Do ihm ihre Siegeraugen machte. Aber sie lachte nicht das Lachen, in dem die Engel Feste feierten und grüne Gläser mit sachte spritzendem Moselwein aneinanderklangen, sondern sie sagte: »Na, Herr Jakobus Sinsheimer?« Damit verbriefte sie ihm ihr Recht, wenn er ihr einmal unter die Füße gekommen war. Aber er dachte, jener unter die Füße zu kommen wäre besser, als der Gwendolin unter die Lippen – zwar …