Dies Zwar war eine Schwelle. Seine Gedanken stolperten darüber und stolperten zu einem gelben Buch, das auf der Bank unter der Hängebuche lag. Es lag auf der Nase und Jockele setzte sich daneben und las so von oben herunter: ›Reclams Klassikerausgaben. Gedichte von Wolfgang von Goethe.‹

Er ließ die Seiten durch seine Finger laufen – der ganze zwanzig Bogen umfassende Band, von der ›Zueignung‹ bis zu den Noten am Schluß, war Zeile für Zeile grüblerisch durchgearbeitet. Unbeirrbare Sehnsucht, alles zu wissen, war hier am Werke gewesen. Schon hinter der ersten Ueberschrift »Zueignung« stand geschrieben: ›August 1784 auf einer Reise nach Braunschweig, ursprüngl. f. d. Geheimnisse‹. Die zweite Strophe des Gedichts beginnt: »Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen ein Nebel sich in Streifen sacht hervor,« daneben in Blei und emsig schülerhaft: ›Goethe interessierte sich sehr für Wolken.‹ Vor allem waren die Beziehungen zu Faust zweiter Teil mit beharrlichem Bemühen gesucht und vermerkt – gleich zu Anfang der dritten Strophe der Zueignung: »Auf einmal schien die Sonne durchzudringen, im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn …,« war notiert: ›Faust II, 1: Im Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen.‹

War das ein Philologe, der so nach Dichterschätzen grub?

Wieder hörte er die graue Frage: »Was wissen Sie von Goethe, Herr Jo?« hinter der damals im Tiefurter Park seine Jugend in so beängstigender Finsternis gestanden hatte. Es war ihm, als wäre von unsichtbaren Händen ein Tor angelweit aufgeschlagen worden – und nun sollte er nicht eintreten dürfen in dies Licht, das über ihn fiel? Ein unersetzbarer Schatz!

Er schaute um sich … rings waren die schirmenden Aeste der Buche … vielleicht hatte einer den Band zum Finden dahingelegt … ›Zigeuner!‹ sagte er laut und bitter.

Aber fortgehen konnte er nicht. Er ergriff es abermals, las sich das Herz heiß und dachte: »Ich will es dem Kastellan bringen und will mein Besitzrecht geltend machen für den Fall, daß sich der Verlierer nicht meldet. Oder – ich will mir die gleiche Ausgabe kaufen und will jeden Tag herausgehen und diese Anmerkungen abschreiben …« Er dachte sich ganz wirbelig, und dann schritt er den Gartenweg entlang.

Da begegnete ihm eine Dame –

»Verzeihung,« sagte sie, »Sie haben meinen Band Goethe auf der Bank unter jener Buche gefunden …«

»Jawohl,« sagte er verbindlich und hielt den Hut dabei in der Hand, »ich wollte ihn dem Kastellan übergeben; denn ich sah, daß der Eigentümer den Verlust sehr schmerzlich empfinden würde.«