»Gab die liebende Natur,
Gab der Geist Euch Flügel,
Folget meiner leichten Spur –
Auf, zum Rosenhügel!«

Jakobus Sinsheimer ahnte eine Aufforderung zu sofortigem Aufbruche, und weil seine Augen dies Ahnen spiegelten, fragte sie: »Sie wissen wohl nicht, daß der Hang, an dem Goethes Gartenhaus liegt, der Rosenberg heißt?«

»Nein,« gestand er, »mir kommt es überhaupt vor, als wüßte ich gar nichts.«

»Sehen Sie – und die Stelle, die ich Ihnen soeben vorsprach – ist sie nicht ein Ruf des Meisters: ›Ihr, denen der Geist Flügel schenkte, folgt mir … unter dem von Geisterstimmen umraunten Rasen des Rosenhügels findet Ihr des Rätsels Lösung!‹ Aber seine Dichtungen sind voll von solchen Rufen und Lockungen nach dem Geheimnisse, das er schelmisch dort der Mutter Erde vertraute. Kommen Sie, sehen Sie mit Ihren Augen die Zauberkreise, die Goethes heitere Größe um das königliche Vermächtnis schlug!«

Es kam aus dieser seherischen Seele über ihn – noch zitterte der Rausch durch seine aufgewühlten Sinne, den die Frühlingsgaben Gwendolins hindurchgejauchzt hatten, nun ruderte er schon wieder mit schwunghafter Leichtherzigkeit hinein ins Himmelblau ohne Grenzen und fühlte: die fruchtatmende Erde geriet ins Wogen.

Als sie an dem Hause Gwendolins vorübergingen, rief er der Frau hinein, er werde das Malzeug in den nächsten Tagen holen lassen.

Dann fanden sie sich im Zwetschengarten des Gasthofs über einem verspäteten Mahle zueinander: das Glück, aus gerütteltem Ueberflusse Weisheit zu spenden, führte Erika Flucht – die Frage Dos: Was wissen Sie von Goethe? drängte ihn zu ihr … Aber er selbst war viel zu sehr bedrängt vom Erleben. Er hörte mit Atemlosigkeit des Herzens zu und kam sich vor wie das Kind, das den himmelblauen Frühlingswind fangen wollte; da rettete der sich vor den tappenden Händen in einen blühenden Kirschbaum und wirbelte einen Haufen Silberzindel herab – und der lange Mensch Jakobus stand mitten darin und ließ es schneien. Auch der gewärmte Kalbsbraten forderte ein Stück liebevolle Teilnahme.

Einmal hob er das Glas zum Trunke, aber es mußte auf halbem Wege warten; denn zwischen Lipp' und Kelchesrand warf Erika Fluchts stürmende Begeisterung den Peneios, den Olymp, Persephoneien und Orpheus und die ganze klassische Walpurgisnacht hindurch.