Es waren Gedanken, die er nie zuvor gehabt hatte; darüber ward sein Herz noch versöhnlicher gestimmt, und er fragte sich, ob er Gwendolin nicht unrecht getan hätte. »Nein – nur quitt sind wir geworden,« sagte er. Und am anderen Tage konnte er sich über den Samowar in helle Glückseligkeit freuen.

Sie hatte den Kessel ganz mit Blumen überdeckt, aber sie hatte kein Wort dazu geschrieben.

Da suchte er sie während der folgenden Tage in der Stadt zu treffen. Wie er sie sah, traten sie sich ernst und freundschaftlich gegenüber, und ehe sie auseinandergingen, sagte er:

»Ich glaube, wir sind gar nicht von so unterschiedlicher Art der Herzen. Ich weiß jetzt: die meisten jungen Männer und jungen Mädchen vertändeln sich aneinander – aber so zwei wie wir müssen darüber hinwegkommen. – Wann besuchst Du mich?«

»Morgen abend – wenn Du willst,« sagte sie.

Er hatte sich und sie besiegt.

Den Menschen in Weimar ist das Glücklichsein leichter gemacht als denen anderswo – nicht, als ob sich die Steuerlokalkommission weniger anmaßend gebärdete – o nein, sie hat genau so das Bewußtsein, daß sie zuletzt immer die Gefoppte sein könnte, und ist deshalb zur Vergeltung geneigt; genau so wie anderswo hat sie das Recht zum Pessimismus. Und nicht, als ob die Weimarer Bürger und Dichter, die den Hauptteil der Bevölkerung bilden, trockenen Fußes über die Straßen gehen dürften, wenn es schon seit zwei Wochen aufgehört hat zu regnen – o nein, o siebenmal nein! Für diese Fälle hat sich ein ebenso eigenartiges als lustiges Verfahren herausgebildet. Regnet es, und es beabsichtigt trotzdem jemand aus einer der grünen stillen Vorstadtstraßen einen Ausgang, so wendet er sich zuvor an den Gemeindevorstand mit einer Eingabe und fordert die Beschotterung des Weges. Darauf erläßt der Stadtbaumeister ein Rundschreiben an alle Anlieger der Straße, ob sie für die Kosten der Instandsetzung aufzukommen gedächten. Wenn diese zurückgeschrieben haben, daß sie zu wenig Humor besäßen, um ein so vergnügtes Ansinnen auch nur zu erwägen, dann ist seit mehreren Wochen so trockenes Wetter, daß die Entnahme von Wasser aus der städtischen Leitung bei Strafe verboten wird, der beabsichtigte Gang in die Stadt kann ohne Lebensgefahr vorgenommen werden, und über die Eingabe, die bis auf weiteres inaktuell ist, wird zur Tagesordnung übergegangen.

Trotz alledem – das Glücklichsein ist den Menschen in Weimar leichter als denen draußen; denn jeder treibt sich an dem andern rasch und fremd vorüber und fraget nicht nach seinem Schmerz. Es gibt keine aufdringlichen Nachbarn, und wer Neigung dazu verspürt, läßt sich leicht zu grußloser Begegnung bekehren. Man sieht sich in Weimar, aber man kennt sich nicht; und das ist ein Stück des Geheimnisses der Glückseligkeit. Man wohnt vergnügt wie in Ibenheim am Walde; denn Weimar ist die Stadt mit der unsterblichen Seele, und nicht nur, wenn der Mond Busch und Tal still mit Nebelglanz füllt, hält diese Seele ihre geheimnisreichen Umgänge und schauert um Herzen und Wege das Scheinen der Ewigkeit.

»Das Vermögen, in Einsamkeit glücklich zu sein, steht in geradem Verhältnisse zum inneren Reichtum eines Menschen,« hatte Doris Rinkhaus einmal zu Jockele gesagt. Das war zu einer Zeit gewesen, in der er noch nicht wußte, daß er zu denen gehörte, die Schmerz und Lust in Betrachtung übergehen lassen. Aber er hatte gefühlt: es war die Wegstelle, an der Tante Veronika und Do einander trafen.

Und nun war er längst zu der Erkenntnis gelangt, daß das Glück von Weimar sich ihm um so inniger ans Herz legte, je heimlicher er sich in die Stille dieser beseelten Gärten hineinlebte. Er war daheim wie in den himmelumdrängten Waldsäumen hinter dem Frühlingshause. Die Namen der Großen von Weimar blühten für ihn von allen Fenstersteinen, und er sah klingende Ewigkeit ranken um alle Giebel.