Er schaltete die Steinbrüche der Städte nicht einfach in das Dasein als Verirrungen verkümmerter Herzen und Geister, die das Bedürfnis haben, sich das Firmament der Sterne zu vermauern – wie er einmal von einem Dichter hatte sagen hören – aber er dachte: wie kann man seine Augen so der Sonne entwöhnen und seine Seele so dem jubilierenden Hochgesang der Erde! Wie kann man Gott absetzen und den Göttern der Gassen und Gossen dienen, solange noch Wälder ihre Arme lichtselig gen Himmel dehnen?

Ueber diese Erde ritt der Oktober in silbernem Rüstzeug mit goldenen Sporen. Er trug eine blaue Aster am Helm, und die Sonnenrosen lehnten sich über die Zäune und mußten seinen Weg bescheinen.

Doris Rinkhaus war wiedergekommen aus den bunten Wäldern der Berge und sah aus wie die Braut des silbernen Reiters: kriegsfroh und sieghaft – sah aus, als liefe sie unter dem Schellenbaume der Militärmusik. Sie machte keine abwesenden Augen mehr, wenn sie aneinander vorübergingen – sie wartete auf die rote Fahne, die Jockele aufzog, sobald sie in Sicht kam, und freute sich, wenn er als Feuersäule an ihr vorbeiloderte.

Er hatte nicht an Tante Veronika geschrieben, während Do in Ibenheim war. Und diese Tante war auch darin eine Ausnahme, daß sie von ihrem Jungen nicht einen Wochenbericht mit Speisenkarte und Wetteranzeige verlangte.

Am letzten Oktober abends war der Sturm in die spärlich belaubten Wipfel gestiegen und blies den Frieden über den Garten. Gwendolin war da, und während sie beim Tee saßen, brachte Maria Reh – noch im Reisekleide – die Einladung zum nächsten Morgenkaffee herüber aus dem Gartenhaus. Es war sehr lustig; denn Maria Reh hatte von den Dingen, die sich über Sommer zugetragen hatten, keine Ahnung. Und es wäre noch lustiger gewesen, wenn sie nicht den jungen Malschüler hätte begrüßen wollen, der für sie noch immer mitten in der Erinnerung des Waldspazierganges zum Berge der Frau Venus lebte – nun war aus ihm ein junger Mann geworden, der seine Erlebnisse hatte, und der auf dem Wege zu einer Weltanschauung war.

Aus dem anderen Morgen wurde ein Vormittag und aus dem Kaffee ein Mittagsmahl. Die Aufwärterin Jockeles wurde in die Küche gestellt; denn die Damen konnten nicht abkommen. Es hatte sich ein halbes Leben während dieses Krieges im Frieden durch ihn hindurch gelebt, und er stand schon wieder hoch darüber auf einer heiteren Höhe, von der er sich die Welt unter ihm mit Humor betrachtete.

Do hatte, als die Kriegserklärung erfolgte, noch die erste Nacht von Ettersburg auf seinen Lippen leuchten sehen – auf dem gleichen Munde, der sich zu dem begeisterungsvollen Ausspruche von der bevorstehenden Eheschließung mit Gwendolin hinreißen ließ.

Aber Doris Rinkhaus hatte keinen Verrat an ihm begangen, weder gegen die bunten Wälder von Ibenheim noch gegen Maria Reh; und auch er spielte nicht den Verräter; denn Gwendolin hatte sich Do an jenem Sonntag in Ettersburg nicht verborgen. Deshalb durfte er alle seine Erlebnisse berichten und schonte sich nicht.

Dieser erste November leitete Jakobus Sinsheimers wildes Jahr ein.