Und das Schicksal nahm seinen Gang.

Alle Studien zu der Gruppe aus dem Tartarus waren gemacht. Es sollten fünf Figuren in dem Bilde stehen: Husch und ihre Mutter, ein nackter Jüngling, ein Mann und ein Greis. Husch lehnte dem Alten zu Füßen; ein schwarzer Schleier fiel vom Scheitel über sie, der ließ ihr nach unten gerichtetes Gesicht sehen und den verleuchtenden Frühling ihrer Glieder ahnen. Die anderen starrten oder schrien oder hoben ihre sehnenden Arme nach dem Lichte des Himmels, das über tote Felsen herniederbrach.

Um diese Zeit redete Jockele zu Do und Maria von der Gruppe nur noch als von seinem ›Monumentalgemälde‹ oder von dem ›Galeriestück‹, oder in sonstigen Vollwörtern, die sich mit gewaltigen Armen um die Vorstellung warfen, welche er damit verband.

Als er zum erstenmal im wehenden Malerkittel auf der Leiter stand und die Figuren mit Kohle umriß, verbat er sich von den beiden Freundinnen alles kritische Dreinreden – er sicherte ihnen dazu drei Sommertage.

Da lugte von draußen schon das Leben in Gestalt eines maienhaften kleinen Mädchens durch die Zinzeln des Zaunes, stocherte mit einem blühenden Mandelzweig hindurch und lachte darüber hinweg, daß es wie gemünztes Gold in das lichtahnende Gras fiel … Aber Jockele hörte es nicht.

Dann kam der Fastnachtsdienstag, und er war Spitzenreiter vorm Faschingszug.

Es war eine feine Sache. Er trug blanke hohe Stiefel und enganliegende weiße Lederhosen, einen feuerroten Reitrock, Perücke und Dreimaster. Und die schwarze Stute unter ihm spiegelte den hellen Tag und war voll Verständnis für ihre Sendung, aber ohne Humor.

Faschingszüge sehen einander ähnlich, selbst dann, wenn junge Leute ihren Witz auf die verblüffte Menge loslassen, die ihren künftigen Ruhm verbrieft in der Rocktasche tragen. Aber ein weimarisches Narrenfest hat seine geistigen Besonderheiten; denn nicht nur was irdisch und schier allzu sterblich ist, sondern auch die ewige Seele der Stadt schmunzelte ihr wärmendes Lächeln darüber, wie Froriep in violettem Professorentalar mit einer Miene, die der Würde der Sache entsprach, das Problem des Schillerschädels aufrollte. Natürlich redete er nicht, damit er den Spaß nicht verderbe. Und Goethe, Schiller, Liszt, Cranach traten aus den Pforten der historischen Häuser, begrüßten mit Humor und Behagen das närrische Treiben ihrer Stadt und reihten sich fahrend in den Zug ein. Der Genius fehlte bei keinem; er postierte sich hinter jeden auf den Wagen.

Gleich beim ersten Halten, dort, wo die Belvedereallee in die Marienstraße mündet und um das Liszthaus der weiche, grüne Traum weht, der zu klingen anhebt für den, der mit der Seele hinhorcht – gleich beim ersten Halten guckte das Schicksal für Jockele dort aus dem Fenster.

Liszt schritt durch das eiserne Pförtchen seines Gartens – das lange Totsein hatte ihm nicht geschadet, und just so, wie er durch das Gedächtnis der Nachwelt wandelt, stand er leibhaftig in ihr und grüßte die Menge mit der Feierlichkeit eines frühen Sonntagsmorgens, der voll ist von den waldfernen Fanfaren eines Kaisermarsches.