Aber solche Dinge sind vorbereitet, und wer nicht zu der staunenden Masse gehört, darf einmal daran vorüberschauen.

In überlegenem Stolze faßt Jugend solcherlei Gelegenheit beim Schopfe; denn wer hat eine Ahnung, wie putzig und liebenswert die Welt aussieht, wenn sie betrachtet wird in rotem Reitrock und Stulpenstiefeln und von einer tänzelnden Rappstute herab, die hin und wieder durch die Nüstern bläst und ins Zaumzeug knirscht, als wäre sie eins der blanken Sonnenpferde?

Der rote Spitzenreiter hielt just vor dem Fenster, aus dem des Herrn Franz Liszt »dreißigjährige« Schaffnerin Pauline herausschaute und ihr Glück über das Volk lächelte, das draußen ihrem großen Herrn wieder einmal Palmen streute. Da ließ sie sich in dankbarer Rührung gleich selbst ein bißchen huldigen, und es schien, als sähe sie in Augen, die ihr ein helles Hurra von den Steigen emporriefen; denn dieser Franz Liszt von heute war bei aller Aehnlichkeit und Würde, die ihm ein trefflicher Darsteller lieh, doch nur ein Spiel – sie aber war noch die echte, die ihm mit ihren Händen die Nadel in die Krawatte gesteckt und die Krücken der Spazierstöcke mit dem seidenen Tuche gewischt hatte (wiewohl er keinen je in Gebrauch nahm), während er im Vorplatz den Glanzhut auf dem Aermel bürstete für den Ausgang …

Wo hat aus einem Blumentopf voll Erde die Sonne so strahlende Menschenblüten hervorgelockt wie in Weimar?

Wo bescheint die Seele des Himmels die Welt, wie in diesen warmen Winkeln zwischen den bemoosten Dächern und kleinen Fenstern?

Und wo sonst ist Ewigkeit in so fühlbarem Fluge, daß sie sich um die Stirnen schmiegt wie atmender Duft des Hochwalds? – – – – – –

Aber des Herrn Franz Liszt treues Schlüsselfräulein war es nicht, für das Jockele die Raketen seiner Blicke abbrannte. Das Feuerwerk galt dem jungen Mädchen, das der Frühling daneben ins Fenster gestellt hatte. Er hatte sich da etwas ausgesucht, das im zeitigen Jahre schon über und über in Blüte stand, und wollte zeigen, daß er auch schon um die Mitte des Hornung, wenn er gerade die Stare losgelassen, etwas Rechtschaffenes zuwege brächte.

Dieses Dokument seiner königlichen Herrlichkeit hatte die Haare voll Sonnenschein auf den Ohren zu goldenen Schnecken gedreht. Das ganze Röckchen und die rosa Crêpe-de-chine-Bluse steckte voll Frühling. Das silberne Glöckchen, das sie an einem Kettlein auf dem Halsausschnitt trug, läutete mit inbrünstiger Heftigkeit.

Ohren, Augen und Herzen der tausend Menschen ringsum hatten alle Hände voll zu tun, um von dem eben begonnenen Ereignisse kein Korn bunten Glücks fallen zu lassen. Da wurde aus den Köpfen und Leibern und Schellen und Farben und Fahnen und Trompeten ein brandendes Meer, das wogte um den Frühling neben Paulinen und um Jockele auf der Rappstute als wohlige Einsamkeit. Und die zwei Paar blauen Augen fingen an, sich über das Meer hinweg zu unterhalten und verstanden jedes Wort. Die unter dem Dreimaster standen hoch und hell im Tage und taten, als müßten sie zwei Löcher in die rosa Bluse brennen. Sie sagten:

»Was bist Du für eine märchensüße, kleine Frühlingsprinzessin! Warum hab' ich Dich zuvor nie in Weimar gesehen?«