Ja, so trieben sie es. Es war eine Herrlichkeit. Und der Herr Salzer? So oft es Frühling wurde in der Welt, spazierte er an den Waldrand, kippte daselbst sein Tintenfaß um und tat ein Gelöbnis, daß es vor dem ersten November nicht wieder gefüllt würde; denn er hatte herausgefunden, Literaturgeschichte im Sommer säure das Herz an.

»Und zu dieser Entdeckung haben Sie sechzig Jahre gebraucht?« spottete Tante Veronika.

»Hm,« machte er. Aber gleich war er wieder vergnügt; denn er hatte auch herausbekommen, daß er an Frau Do und ihrem Jockele recht eigentlich zum Leben genesen wäre. Und doch, von wem sonst hatten jene beiden es gelernt als von Tante Veronika? Also war Fräulein Sinsheimer für ihn der Brunnen aller Freude! Die Sache war in schönster Ordnung, und die Tage flossen in Heiterkeit dahin. Aber einmal kam ein Ereignis voll herrlicher Allgewalt – das hieß Henrik Tofte. Es kam nicht in eigener Person, wie man nach dem Ausdruck »Allgewalt« schließen könnte, sondern es kam in Gestalt von Zeitungsberichten, und kam aus dem Märchenhaus. Aber es wirkte, als stürmte der nordisch blonde Skalde selber ins Häuschen und wuchtete die oberen Türpfosten heraus, weil sie zu niedrig waren für sein Hünenmaß …

Es war in jenem März, in dem Heidi das Frühlingskind vier Jahr alt wurde.

Bis dahin war Henrik Tofte für Do und Jo verschollen gewesen. Das hing auch damit zusammen, daß er Tinte und Feder für minderwertige Werkzeuge hielt. Zwei Jahre lang hatte es ausgesehen, als wäre er gestorben. Zwei Jahre? Ach, noch länger, als Richard Schaffrath brauchte, seine schlanke Frau Professorin in gründliche Reparatur zu nehmen. Aber nun war sie wundervoll ausgeputzt, und beide gingen ausgezeichnet. Schaffrath hatte reden gelernt und werben, wie sie es gern hatte. Und sie warf ihm ihr funkelhelles Herz zu, wie er es gern wollte. Aber eigentlich in Weimar war das nicht so geworden, sondern in Dresden. Dort hatten sie bei Arnold eine Ausstellung ihrer Bilder, die sie zu bewundertem Erfolge führte. Beide. Und von der Elbe zogen sie heim als Hochzeitsreisende und standen in voller Blüte. So blieb das nun.

»Und Henrik Tofte?« fragte man im Märchenhause, »habt ihr nichts von Henrik Tofte gehört?«

»Nein.«

»Ach, Henrik Tofte!« lächelte Kordula Meyer. Merkwürdig – seitdem das Institut für schwedische Heilgymnastik und Massage in Rom zu verblüffender Tatsache geworden war, seitdem konnte Kordula den Namen Henrik Tofte nicht aussprechen ohne elektrische Zuckungen. Etwa so, als ob sie sagte: »Kladderadatsch.«

Zwei Jahre gingen dahin, beinahe drei – Zeit genug, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen: »Henrik Tofte ist versickert im Staube der großen Stadt.«