»Das Alter muß ich mir wieder abgewöhnen,« sagte er, »es ist unlustig. Ich muß mir überhaupt mein ganzes bisheriges Leben abgewöhnen. Zum Beispiel wäre es doch gar nicht übel …«
Er dachte an den schönen Buchenwald bei Ibenheim. Dort hinauf brauchte man keine hundertneununddreißig Stufen zu klettern …
Nein, übel wäre das ganz und gar nicht! Aber wenn man in das Haus der Tante Veronika ziehen wollte, so, so für immer, da mußte man zunächst mit Tante Veronika darüber reden. Das war schon wieder ein Stein des Anstoßes, gleich am Anfange des neuen Wegs. Seit jenen Septembertagen war er viermal zu Gast im Frühlingshause gewesen. Zuerst hatte er gesagt: es wäre der schöne Buchenwald, der ihn lockte, und die Stille auf dem Hügel, und die Champagnerluft, die so in die Lungen prickelte. Und später hatte er gemeint: es wäre doch ein herrliches Vergnügen, das Erwachen des Jahres so gleichsam aus der Hand des Weltenschöpfers heraus zu genießen. Und zuletzt? Da hatte er die Tante Veronika ganz vergnügt angeguckt: »Warum haben wir uns nicht ein Dutzend Jahre früher kennengelernt?«
Natürlich, die Tante Veronika verstand das vollkommen richtig, aber in ein silbernes Mädchenlachen verfiel sie doch; denn Tante Veronika war nun Siebzig!
Nein, nein, an Hochzeit dachte Herr Salzer nicht. Aber die blanken Augen taten ihm wohl wie der Mai; und wenn die leisen weißen Hände einmal etwas an ihm zurechtzurücken hatten, hielt er sehr stille – ganz gegen seine Art. Es war so feiertäglich um diese klare alte Dame – es war mit einem Worte: außerordentlich.
Darum packte er seine Koffer und fuhr nach Ibenheim. »Hallo! Sie müssen mich mal in die Kur nehmen, liebste Tante Veronika,« sagte er und schüttelte ihr die Hände, als wollt' er mit ihr zum Tanz antreten, »jawohl, in die Kur; denn sonst steh' ich für nichts!«
Nach einer halben Stunde kam er aus dem Gaststübchen wieder herunter. Die eine Ledertasche hatte er dem Mädchen Mali anvertraut. Es waren darin Schildkrötensuppen in Büchsen, Kaviar, Spickaal, allerhand Pasteten, gezuckerte Früchte … es war eine Sammlung, die dem Herrn Salzer Ehre machte. »Es ist aber noch nicht alles,« sagte er geheimnisvoll, »das hab' ich nur so im Abreisen aufgerafft. Der Wein kommt aus dem ›Erbprinzen‹ und kommt von Krehan, eine ganze Kiste,« flüsterte er und sah das alte Mädchen dabei an … tja, der Herr Salzer! Und ein Kochbuch hatte er ihr auch mitgebracht. Damit sie das aber nicht übelnähme, überreichte er ihr dazu ein Hausstandsportemonnaie, natürlich gefüllt. »Sehen Sie, das da, in dieser Abteilung, ist ganz allein für Sie.« Es war gut und reichlich … tja, der Herr Salzer!
Die Tante Veronika geriet an dem neuen Mietsherrn in herzenshelles Vergnügen. Und der Herr Professor merkte ihr an, wie es ihr ums Herz war. »Hähähä,« lachte er, »ich weiß alles: die Schwelle des Frühlingshauses ästimieren Sie als die reinste Fundgrube für Buben – erst war es ein kleiner, nun ist es ein alter Junge, den Ihnen der Wind hergeweht hat, hähähä.«
Aber – und das ist die Hauptsache – die beiden Leutchen erschmunzelten sich darüber eine blühende Daseinsfreude. Das ist ein rares Gewächs auf den höchsten Höhen des Lebens, und es gibt keins, das köstlicher wäre. So schlossen sie einen Vertrag, der kaum zwischen ihnen besprochen und der jedenfalls nie geschrieben wurde: sie wollten sich gegenseitig in unwandelbarer Glückseligkeit hinauspflegen aus den grünen Gärten der Erde in die blauen Weiten des Himmels. Fräulein Sinsheimer dachte, nun würde sie das Häuschen am Walde nicht mehr verlassen, bis sie die Sternenreise anträte, die auch fröhlich werden sollte; denn an frohmütiger Weisheit schüttete das Leben in ihr Herz, was nur hineingehen wollte. Aber einmal zog sie doch noch hinüber ins Märchenhaus. Das war aber viel später. Ach ja, die Funkelwiesen, auf denen die Engel spazieren, mußten lange warten, ehe man im Frühlingshause die Wanderschuhe schnürte …
Nach Weimar geriet der Herr Salzer hauptsächlich nur, wenn es galt, Küche, Keller und Vorratskammer von neuem auszurüsten. Dies Werk betrieb er fortan mit großem Eifer und ausgezeichnetem Feinsinn. Tante Veronika schalt immer ein bißchen über den sündhaften Aufwand, den er mit sich machte, nannte ihn einen Verschwender und behauptete, sie helfe ihm diese vornehmen Sachen nur essen, weil sie für ihn allein unbekömmlich wären. Aber schlimm war das nicht gemeint; denn beim Auspacken waren sie immer zu dritt und hüpften um die Herrlichkeiten herum wie Kinder um den Weihnachtsbaum. Es muß auch verraten werden, daß Fräulein Sinsheimer in dieser Zeit ein ganz kleines venezianisches Glas besaß. Das war nicht geräumiger als ein Daumen. Daraus half sie ihrem Freunde mittags und abends einen Fingerhut voll Wein trinken, oder gar Sekt. Sie fand, es bekäme ihr ausgezeichnet, und sie schlief danach wie eine Tulpe im Winter.