So war nun dies lichte klingende Herz: es mußte durchaus umworben werden, wenn es blühen sollte. Und so war es mit ihm gewesen seit den frühesten Mädchentagen. Zehn Jahre hatte sie es so mit diesem Herzen gehalten; denn es war eine große Gefahr für sie. Viele Mädchen haben solche Herzen und nehmen sie nicht in acht und kommen darüber von sich selber und von allem tapferen Willen für ein gutes und züchtiges Leben. Vor Gott und der Welt hatte sich Gwendolin nicht gefürchtet, seit sie sich verstand; aber vor ihrem Herzen war ihr bange gewesen. Nun war das so geworden; und als ihr Mann wartete, daß sie es ihm wie einen goldenen Ball zuwerfen sollte, konnte sie es nicht; denn dies Spiel hatte sie dereinst mit aller Kraft und Selbstzucht verlernen müssen.
»Vielleicht hätten wir mit der Aussprache von gestern abend nicht so lange warten sollen,« sagte Jockele am anderen Morgen zu seiner Frau.
»Wir sind viel zu nachsichtig mit ihnen gewesen,« sagte sie, »wir haben uns in diese Angelegenheiten gar nicht zu mischen – darum haben wir auch nicht zu lange gewartet. Ich weiß recht wohl, woran sie beide leiden. Deshalb weiß ich auch, wir hätten uns auf derlei Auseinandersetzungen gar nicht einlassen sollen. Aber dazu haben wir ein Recht – ich will zu ihr sagen: Ihr zwei haltet es miteinander wie ihr es für gut findet; in unser Haus könnt ihr jedoch nur kommen, wenn ihr in dies Haus paßt.«
»Es ist wieder mal eklig kalt,« spottete Jockele.
»Ach nein,« sagte sie, »du hältst dein Herz nur immer in den Händen wie ein großes Licht und möchtest alle Finsternis der Welt damit hell machen. Trösten und Ehen flicken, liebster Jo, das sind zwei Dinge, mit denen schwer hantieren ist. Ich traue mir weder das eine zu noch das andere. Wenn du ihnen Moral predigen willst, so ist das deine Sache. Für mich gibt es in diesem Falle nur einen Weg: ich lasse in meine lichte Burg keine Narrheit von draußen hereinbrechen.«
Dagegen gab es kein Eifern. Und es war wohl auch in der Ordnung; denn die Moral hatte den beiden im Nachbarhause der Herr Professor Salzer schon zur Genüge gepaukt. Aber er hatte es aufgegeben. Nun hatte Schaffrath das Empfinden: es gehen über unserer Ehe zuerst unsere Freundschaften in die Brüche. Und daraus folgerte er: man gab die Schuld beiden, sonst hätte man sich ja auf seine oder auf die Seite Gwendolins schlagen können. – Vor allem aber hatte Herr Salzer ihnen gegenüber einen schweren Stand; denn beide sagten zu ihm: »Sie mögen ja ein ganz guter Literarhistoriker sein, aber von einer Ehe verstehen Sie nicht das geringste.« Da hatte er's.
Schaffrath aber und auch Gwendolin wurden sehr nachdenklich an sich selber.
Um Herrn Salzer war es mit einem Male recht einsam geworden, schauerlich spätherbstlich, mitten im Sommer. Sein Turm gefiel ihm nicht mehr halb so gut. Das vornehme Mahl, das er im »Erbprinzen« zu halten pflegte, erfüllte alle Ansprüche des Feinschmeckers – aber es mundete ihm nicht mehr recht. Mit der Literatur war das auch solch eine Sache – man brauchte dazu nicht unbedingt auf einem Turme zu wohnen. Kurz: Herr Salzer hatte einmal wieder das dringende Bedürfnis, sein Glück aufzubügeln. Er kleidete sich unerhört vornehm. Er kaufte sich einen grauen Zylinderhut wie der Stadtrat Schniedewind. Er trug Schuhe mit einem Einsatz vom Stoffe seiner Kleider – nun, einen Zigeuner oder gelehrten Tropf hatte man seinem äußeren Menschen nie angesehen. Und so furchtbar wichtig vermochte er diesen selbst nicht zu nehmen, nicht einmal jetzt; darum merkte er nach acht Tagen: auch das war kein Heilmittel für das geheimnisvolle Leiden. Er verfiel sogar auf den verrückten Gedanken, es wäre das Alter. Achtundfünfzig! Lieber Himmel, vor einem halben Jahre war er noch ein leibhaftiger Jüngling gewesen an seinem Herzen! Und nun wollte dies Herz über Nacht misepeterig geworden sein? Aber dennoch – er rüstete sich mit der Ergebung des wahrhaft Weisen und bildete sich drei Tage lang ein, er wäre ein alter Mann.
Und merkwürdig: die einhundertneununddreißig Stufen im Turm waren auf einmal erstaunlich schwer zu steigen. Am dritten Tage pustete er sich schon hörbar empor und rechnete aus: in vier Wochen könnte er sich die Welt überhaupt nur noch aus der Herrgottsperspektive betrachten. Peinlich, höchst peinlich! Und gerade jetzt hatte er Lust, mal durch einen Wald zu spazieren, den Gehstock zwischen den Fingern zu drehen wie ein Windrädchen und dabei vergnügt vor sich hin zu trudeln »Freut euch des Lebens«!