Nun, der Herr Salzer verstand es schon, eine Zeitung zu lesen! Er saß an dem Fenster nach dem Garten hinaus, vor dem die »fliegenden Herzen« im Lenzwind schaukelten, und rückte die Hornbrille wiederholt sehr bedeutend. Tante Veronika saß an ihrem Nähfenster und hörte ihm zu: Henrik Tofte war nun nicht mehr das Genie, das dem lieben Gott aus der Hand gefallen, ehe es ganz fertig geworden war – war nicht mehr das Genie, in das von allen Gaben des Lichts und der Finsternis ein wahllos Übermaß hineingepackt worden war, nein: Henrik Tofte war der größte Maler des Jahrhunderts! Es stand da: seine Kunst wäre seherhafte Physiognomik, und er wäre ein aufrichtender und ausgleichender Deuter aller Dinge. Er war nicht Impressionist, nicht Kubist, nicht Pleinairist – es war nicht Raum für diesen Gewaltstrom zwischen Ufern, in denen sich die Wässerlein vom Berge recht hübsch ausschäumten oder zwischen denen sie recht wacker funkelten – sondern: seine Kunst wäre das vertiefende Gleichgewicht zwischen Form und Farbe, stand da zu lesen, und Henrik Tofte hätte sein Genie an den Alten gestärkt; in München zum ersten Male hätte er mit Eifer studiert – was man so nennt – und die skulpturale Abrundung seiner Figuren, das feinste Farbengefühl für die lebendige Masse und für die warmen Schwingungen der körperlichen Oberfläche – all das wäre in dieser Vollkommenheit vor Henrik Tofte ein schöner Malertraum gewesen; in ihm aber wäre es Erfüllung geworden …

Das war die kleine Auslese aus dem dicken Stoß Zeitungen. Herr Salzer gab sie der Tante Veronika zum besten. Bei manchen der randgefüllten Sätze konnten sie sich viel denken, bei manchem weniger – was kam zuletzt darauf an? Das aber wußten sie beide: Henrik Tofte war ein ungeheures Ereignis geworden – ungeheuer, wie die Manierlosigkeit seiner Schöpfungen. Riesenflächen von Leinwand hatte er bemalt mit Leben. Und wer seine Bilder sah, der mußte empfinden: der das gemacht, hatte die Kraft, Chronik und Spiegel seiner Zeit zu sein.

Das war umfassend. Und danach stellten sich die beiden Alten am Buchenwalde vor, wie das aussähe: Chronik und Spiegel seiner Zeit.

»Na, da muß er ja reinweg einen ganzen Himmel bemalt haben,« sagte Tante Veronika in ihrer bedachtsam-lustigen Art. Und sie gab damit des berühmten Mannes berühmtem Werke gleich die nötige Ausdehnung an Fläche. Herr Salzer hinwiederum sorgte für den Gehalt der Bilder. So betrachteten sie das Ereignis in ihrem Häuschen am Walde aus der Ferne; denn man hatte aus der kleinen Stube einen Rundblick über die Welt – nicht zu sagen! Sie redeten von Henrik Tofte und seinem Leben; denn auch von diesem Leben stand in den Zeitungen: von dem Drama, das er einst selber gedichtet hatte; von seinen Eltern, die arme Webersleute gewesen; von seiner Lehrzeit als Anstreicher; von seinem Zwischenspiel als Zirkusclown; und von seinem Erlebnis mit King, Williams und Watson. Jawohl, Watson – und das war ein feines Kapitel! Sie redeten von der Löwenballade und von der Zugspitzpartie des Mister Johnny und vom alten Käse … es war nichts unwichtig auf der Bahn dieser neuen Sonne. Und sie redeten von der Frage: wo sie augenblicklich kreise. Die Zeitungen wußten es nicht und rieten.

Danach schrieb Herr Salzer den Ertrag seiner Kunstbetrachtung mit Veronika in einem langen Brief an die Leute vom Märchenhaus. Und darunter schrieben sie: »Der Hügelmann und die Hügelfrau.« Und diese Namen verblieben den beiden Menschen für den fröhlichen Rest ihres Lebens.

Nachschrift: »Wo ist Henrik Tofte? Wißt ihr es nicht?« »Nein.«

Sein Ruhm war nicht über Nacht gekommen. Schon lange hatte er kleine Ringe geschlagen auf dem stillen Wasser seines Lebens. Tofte verkaufte ein Bild, wenn er Geld brauchte. Dann wurden die Leiter der großen und staatlichen Sammlungen auf ihn aufmerksam. Er verkaufte. Aber er blieb in der Stille seiner Werkstatt. Die Freunde vom Zigeunerbummel vergaßen ihn; die Helden der Löwenballade wurden berühmt oder verkamen – Tofte wußte es kaum. Er hatte keine Zeit. Denn was er erkannte, maß er, und es maß drei Jahre … Drei Jahre?

»Wo ist Henrik Tofte, wißt ihr es nicht?« fragten die Leute vom Märchenhaus Richard Schaffrath und seine Frau. »Nein.«

Die Ringe, die seine Würfe zogen, wurden größer. Immer mehr malte er und staffelte seine Werke vor die Wände seiner Wohnung. Er trachtete nicht nach Verkauf; denn er wußte: wenn er Geld hatte, mußte er dies Geld umbringen – und seine Frist maß drei Jahre!

Nach einigen Wochen erzählte eine Zeitung, Henrik Tofte wäre in Rom. Eine andere wußte es besser: er wäre in einer einsamen Alpenklause zwischen grünen Sommermatten, um seinen Augen Ruhe zu gönnen. Eine dritte sagte gar: er hätte in jungen Jahren zu rasch gelebt und wäre in einer Nervenheilanstalt. Eine vierte meinte, sie hätte den Stein der Weisen gefunden: Henrik Tofte hätte die große Ausstellung im Münchener Glaspalaste noch geordnet, die drei Säle füllte, und dann wäre er geflohen vor den Bedrängnissen seines riesenwüchsigen Ruhms …