Sie wußten es alle nicht. Henrik Tofte saß in der Augenklinik des Doktors Pagenstecher in Wiesbaden. Saß in einem halbfinsteren Raume. Trug einen grünen Schirm auf der Stirn. Und ward blind. Ganz langsam fiel Finsternis in die hellen Brunnen seiner Augen. Ein Himmelswunder war das Licht für sie gewesen. An diesem Himmelswunder hatten sie sich zersehen. Noch war es nicht Nacht. Aber Henrik Tofte hatte gemalt bis in die späte Dämmerung. Und nun saß er in dem halben Düster seiner Krankenstube und sagte: »Doktor, warum fürchten Sie sich vor dem letzten Worte? Wissen Sie nicht, daß mir mein Freund, das Schicksal, dies letzte Wort schon im Garten des Märchenhauses von Weimar verraten hat, zu dem Sie nun nicht den Mut aufbringen? Wissen Sie nicht, daß in jenem Märchenhaus ein Vorhang von meinem ganzen rückwärtigen Leben dahinsank und daß ich von Stund an in dies Leben blicken konnte, solang ich es gelebt hatte, und daß ich erkannte: in meinen Augen liegt die Lösung des wunderlichen Rätsels, das Henrik Tofte heißt? O, ich bin nicht traurig, Doktor! Es haben sich alle Wunder der Erde und des Himmels in diesen hellen Brunnen gespiegelt in unerhörtem Glanze. Nun steh' ich dort, wo die Millionen der anderen stehen – was ist dabei traurig zu sein? Drei Jahre, oder sagen Sie: an jedem Tag, an dem ich malte, war ich begnadet wie keiner der Menschen. Soll ich nun traurig sein? Ich habe mein Werk getan, und, weiß Gott, ich war ein frommer und getreuer Knecht – mögen's die Menschen glauben oder nicht! Warum sitz' ich hier und lasse mir vorreden, ich sei krank?« Henrik Tofte war aufgestanden; er riß den Schirm von der Stirn und schritt nach den dunkelblauen Vorhängen der Fenster und riß sie zurück. »Noch find' ich den Weg heim,« sagte er, »so lassen Sie mich gehen!«
In jenem Mai war das, in dem Heidi das Frühlingskind vier Jahre alt wurde.
Er reiste nordwärts und reiste in der Nacht. Des Tages schlief er in einem Gasthaus. Mit der Nacht zog er wieder aus. Am vierten Morgen kam er in den Hardanger Fjord. Da scheute er das Licht nicht mehr. An jener Haltestelle, wo der Arm nach Elde gegen Norden abzweigt, kannte man ihn. Er erzählte den Schiffern, wie es mit ihm wäre, lieh sich ein Boot, ließ sich hineingeleiten und ruderte auf den Wassern des heimatlichen Landes gegen Morgen. Er kam an Eilanden vorüber, er rief Schiffer an und fragte nach der Insel Rolf Krakes, wie weit es noch wäre. Und als er den Folgefond scheinen sah, wenn er das Antlitz gegen den Himmel bog, als könne nur so der volle Strom des Lichts in seine Augen sinken, da lauschte er, ob ein Rauschen in der Luft wäre. Denn jenen dumpfen Klang der Allmacht hatte er mit hinausgetragen über die Alpen und in seinen Ohren wieder zurückgebracht an die Isar: das Rauschen des Skjold.
So glitt er die Bahn der dunklen Wasser und kam vor die Roseninsel.
Es war die Zeit, in der sich die ersten Blüten erschlossen. Er sah sie nicht mehr, aber aus der Schründe rauschte der Fall des Bergstroms, und in der Luft hing der Atem der Rosen. Darum rief er Nane Thord. Er stand im Boot und hatte die Hände um den Mund gelegt. »Nane Thord!« O, das war nicht die Stimme des Schmerzes; denn an den Hängen lief der Ruf hin als ein Jauchzen. »Nane Thord!«
Da trat sie aus dem Haus und baute mit der Hand ein Dächlein über ihre staunenden Augen gegen die Nachmittagssonne, daß sie das Wunder besser betrachten könne. Das merkte sie gleich: Henrik Toftes Ruf war voll von Heimatglück – es brach aus seinem Munde als ein Sturm. Aber wie er sich in dem Boote zurechtsetzte, wie er nach den Rudern griff und so langsam dem Klange von Nane Thords Stimme nachtrieb, das war tastend und war, als ob er nicht mit den Augen, sondern mit den anderen Sinnen sehe. Er bat sie, sie sollte herunterkommen auf die letzte Stufe und sollte reden; denn er müßte sie hören. Dann sagte er, sie sollte das Boot vollends heranziehen und an dem Pfosten festmachen und ihm die Hand herüberreichen – es fiele vom Tage nur ein mühseliger Schimmer in seine Augen. Und doch war er froh, so froh! »Nane Thord,« rief er und riß die alte Frau in seine Arme, »liebe Mutter Thord, wissen Sie auch, daß Sie nun nicht sterben dürfen, weil ich Sie immer um mich haben muß? Liebe, treue Mutter Thord!«
»Heiliger Gott,« sagte sie, »was ist da geschehen?« Sie sah ihn an: in seinen Augen waren die blauen Reifen der Iris noch blank wie Sommerhimmel. Aber die Pupillen lagen nicht mehr darin wie funkelndes Glas, in dem das große Strahlenmeer des Lichtes zusammenrinnt, sondern sie lagen dort wie schwarzer Sammet, matt und still und ohne Glanz. Sie waren auch größer als andere, die vor den ungedämmten Schein des Sonnenmittags gestellt sind; und es sah aus, als hätten sie sich geweitet in Sehnsucht, von dem Bilde der Heimatscholle so viel in sich zu trinken, wie sie vermochten.
Er hatte Nane Thords Hand gefaßt und ließ sich von ihr die schmale Treppe emporleiten. Da quollen Nane Thords Augen über in heißem Schmerz und in mütterlichem Glück.
Rings um die Insel lief eine Mauer aus rankenden Rosen. Die war drei Meter hoch und bildete am Kopfe der Stiege einen Torbogen, der schon ganz erblüht war, weil er gegen Süden lag. Unter diesem Bogen hätte Henrik Tofte sich ein wenig neigen müssen; denn das Tor aus Rosen war nicht bestimmt für das Maß eines so hohen Mannes. Er aber löste seine Hand aus der Hand der alten Frau, legte seine Arme über die Brust wie ein Kreuz und beugte sich sehr tief. »Ich grüße mein schönes Grab,« sagte er, »und ich grüße mein schönes neues Leben.«
Darüber trat Rolf Krake in einem Mantel aus roher gelber Seide in die Tür des Hauses; denn die fremde Stimme hatte ihn gelockt. Henrik Tofte streckte ihm beide Hände entgegen. »Das große Licht!« rief der Einsiedler von der Roseninsel, »das große Licht nun in Wahrheit! Was ist das für ein herrlicher Ruhm, den Sie heimbringen!« Denn er hatte in den Zeitungen gelesen, wie der Klang des Namens Henrik Tofte durch alle Länder lief.