»Lieber Bruder Krake,« sagte der Heimgekehrte, »das große Licht? Ich komme mit zwei armen Fünklein in diesem Haupte, so winzig wie das Verglimmen des Dochtes, auf dem gestern eine Flamme gestanden. Empfange mich nicht wie einen Fremden, lieber Bruder; denn ich bin da, um mit deinen Augen zu sehen.«

Dann setzten sie sich auf die Bank neben der Tür, an die sich Rolf Krake bei der Nachricht gelehnt hatte. Es war ihm gewesen, als bräche das Verhängnis über seine gesicherten Grenzen, und er fand kein Wort, diesem Einsturz zu begegnen.

Aber es löste sich alle Dumpfheit des Augenblicks; denn Henrik Tofte kam als ein fröhlicher Sieger. »Warum bist du so schweigsam, mein Bruder?« fragte er. »Ist etwas weiser und gewaltiger im Himmel und auf Erden als mein Schicksal? Dies Schicksal allein hat gewußt, was mit mir war. Da hat es dir und mir den Weg zu dem Eilande gewiesen, und es hat dich gesandt, daß du aus Fels und Klippe blühende Gärten schufst. Und es hat durch deinen Mund zu mir geredet vor vier Jahren, daß du hier auf mich wartest. Ich aber, habe ich den Becher meines Lebens im Licht nicht ausgetrunken wie ein König? Ungeheuere Reichtümer habe ich in diesem Leben aufgestapelt; ich habe errungen, was zu erringen war – und viel mehr. Und sollte nicht fröhlich sein?«

Henrik Tofte berichtete über die letzten Jahre. Er begann bei der Madonna in Rosen, und wie ihn die Erkenntnis der versickernden Brunnen in seinem Haupte so tief getroffen hatte, daß er dachte, er hätte die Sprache verloren und das Herz gefröre ihm in der Brust. Er berichtete alles bis zur Pforte des Eilands und sagte, wie wunderbar es wäre, daß Rolf Krake dafür vor Jahren den Namen der Auferstehungsinsel gefunden hätte; denn beiden wäre nun hier ein neues Leben geschenkt.

Danach ging er an der Hand des Freundes durchs Haus. Die Räume lagen zu ebener Erde, und die alten Gänge waren dem Heimgekehrten bald wieder vertraut. Sie schritten in den Saal – Henrik, Rolf Krake, Nane Thord und die blonde Marit – und es klang fremd und machte sie betroffen, wenn Henrik sagte: »Ich sehe …« »Ich sehe, daß es hier ganz anders geworden ist: der Klang der Tritte und der Stimmen ist nicht mehr wie früher.«

»Nein,« sagte Rolf Krake, »die Wände sind mit einem grauen Wollstoff bespannt, und auch der Fußboden ist mit diesem weichen Überzuge belegt. Hier zwischen den Fenstern hat die Madonna in Rosen ihren Platz gefunden. Und rings an den Wänden sind auch die Regale mit den vielen Büchern.«

Henrik betastete den blauen Sammetgrund, auf dem das Bild hing, und betastete den schweren Vorhang und die Schnur, an dem sich jener zur Seite ziehen ließ. Sie traten hinaus in den Garten. Die Wege waren so breit, daß zwei Männer nebeneinander wandeln konnten, ohne an die grünen Mauern zu streifen, zwischen denen sie dahinliefen. Die kleinen Mandarinenenten schaukelten auf dem Wasser wie schwimmende Edelsteine, in denen die Sonne spielt; oder sie flogen empor, richteten sich zum Dreieckflug und stießen weit hinaus über den Fjord, bis man ihren Ruf nicht mehr hören konnte.

Rolf Krake malte ihm jedes Bild, das sich an einer Wegbiegung für seine Augen öffnete. Er wählte dazu Worte von weichem Klang und warmen Farben, die nur dem zu Gebote standen, der dies ganze bunte Wunder zwischen Berg und Wasser hingedichtet hatte in beglückter Einsamkeit.

Es kam der Sommer und wehte seinen Glanz um die Insel, und es war, als wäre das blaue Tuch des Himmels offen darüber, und Rosen würden hindurch geschüttet: weiß und gelb auf die Spitzbogen und Pfeiler eines kleinen Tempels, der in der Mitte des Gartens stand – rot und rosa auf alle grünen Wände, daß sie aussahen, wie aus dem Purpur oder der Seide des vergehenden Tages gewoben.