Henrik Tofte lernte dies alles sehen durch die Augen des Freundes, wie er gesagt hatte.
Und in den einsamen Mann von der Insel, der nun im fünften Jahre mit keinem Schritt aus der freiwilligen Haft gewichen war, wuchs dies Erlebnis herrlicher hinein als er geahnt hatte. Damals aber, als Tofte kam, hing sich Rolf Krakes erster Gedanke wie ein neues Glied an jene Kette, mit der er vor langer Zeit gefesselt worden war. Er wähnte nämlich, von nun an müßte er die schwere Last von einst wieder aufnehmen, und er könnte, trotz allem, seinem dumpfen Geschicke nicht entfliehen, ob er gleich wiche an das Ende der Erde. Er hätte sich nun sein Leben so erlöst gestaltet – da trete dieser unselige Fremde hinein und zertrümmere das beste Teil …
Aber es kam anders; denn es war der alte Rolf Krake gewesen, der so zu ihm gesprochen – jener alte, dem es immer gelungen war, niederträchtig zwischen ihn und das Glück zu treten und zu sagen: »Mann der Finsternis, was träumst du von einem sonnigen Leben?« Nun aber war es ihm zur Gewißheit geworden: jener Frühlingstag, mit dem Henrik Tofte kam, war seines Traumes Erfüllung geworden! In der Madonna in Rosen hatte er sich ein Sinnbild der schönen und heiteren Erde aufstellen wollen, die für ihn verschlossen war. Es war ein Bild gewesen, ein Bild. Nun aber hatte er einen Menschen gewonnen, der in Dankbarkeit und Freude um ihn war und der in ihm ebenfalls die Erfüllung erkannte. Für diesen Menschen war er der Brunnen des Lichts geworden in allerschöpfendem Sinne, denn er senkte mit seinen warmen gütigen Dichterworten nicht nur das Bild der Erde so lebendig in ihn hinein, daß es fast war, als tränken die erloschenen Sterne des Sehens das Leben wie einst – sondern er schenkte dem sinnenden Geiste des Genossen auch das Licht seiner Klugheit und seiner Bücher; er schenkte der dürstenden Seele die Träume der Weisen und Dichter und gab zugleich die Deutung. Er hob die Hülle für den Blinden von einer Welt, an der dieser in den Tagen des Lichts scheu und fremd vorübergestrichen war, weil er meinte: die Armut und Unbildung seines Elternhauses wären schuld daran, daß er diese fremden Gärten nie betreten dürfe.
So saßen sie in Zeiten, in denen der Regen über die Insel plätscherte, im Büchersaal und wanderten doch im Geiste weite Wege der Wissenschaft und wanderten durch ferne Länder: zwei Menschen, die gar nicht voneinander konnten, wenn sie nicht elend werden wollten. Oder sie saßen in lauen Sommernächten draußen unter den Rosen. Henrik nahm die Gitarre und sang, und wie einst traten die Menschen drüben aus ihren Häusern am Lande, schritten auf dem Uferweg und lauschten, wie schön es war. Die blonde Marit und Nane Thord saßen dann bei den Männern am Tisch und rasteten ihre Hände von der Arbeit des Tages.
Henrik Tofte schritt nun allein bis an die Kante der Flut an jenem Ende, an dem die Mandarinenenten im Röhricht schliefen. Auch bei Nacht. Er stieß an keine Ranke, er streifte an keinen Zweig. Und wenn er des Abends in den Garten kam, so sprach er von dem leisen Lichte der Mondsichel, die auf den Flutterwolken des Himmels schwamm, oder er sprach von der Fülle des Glanzes der vollen Scheibe, als ob er sie sähe.
Des Morgens fuhren die Frauen noch immer hinüber und kauften ein. Oder sie ließen sich an Speis' und Trank aus den Städten schicken, wonach die Männer Lust hatten. Ehe Henrik Tofte gekommen, war es karger in Keller und Küche gewesen; denn Rolf Krake hatte die Hälfte seines kleinen Vermögens zur Ausstattung des Hauses und zum Aufbau der Insel verwandt, die beide sehr schön geworden waren. Und er hatte durch drei Jahre so viele Bücher angeschafft, daß Nane Thord das Geld dafür mit schwerem und immer schwererem Herzen eingezahlt hatte.
An jenem Tag, an dem Henrik eintraf, hatte der gesagt: »Ungeheure Reichtümer hab' ich in meinem Leben aufgestapelt« – er meinte aber nicht: an Geld. Daß er auch davon so viel besaß, um sich das Dasein äußerst behaglich zu gestalten, wußte er damals noch nicht. Zuerst war er eine Zeitlang verschollen gewesen. Nicht einmal der Leiter seiner Ausstellung in München konnte ihn finden. Aber als es klar war, daß die Insel im Fjord seine Heimat wäre für und für, sandte er Botschaft hinaus – nur daß er blind wäre, sagte er nicht. Es fand sich, daß bei der Bayerischen Vereinsbank in München ein Betrag für ihn eingezahlt war, der zweimalhunderttausend Mark überstieg. Das war der Erlös aus seinen Bildern. Etliche große Gemälde waren noch im Glaspalast.
Als es gegen den Herbst ging, arbeitete er mit Rolf Krake im Inselgarten. Er löste die Weidenbänder von den Rosen und bog die Stämme an die Erde. Er schaufelte sie mit dem weichen Boden zu, gegen die Kälte des Winters. Oder er legte das Deckreisig darüber, das in Schiffen hergefahren worden war. Er grub die Erde, er tat alles, als ob er sähe. Und so ging durch die freudige Siedelei keine Stunde mit leeren Händen.
Der erste Schnee fiel.
Auf diese Zeit hatten sie gewartet. Da wollten sie für die Leute im Märchenhause die Frage lösen: Wo ist Henrik Tofte?