Als der Brief in Weimar eintraf, da war es, als träte Henrik Tofte selber herein mit seinen erloschenen Augen – so erschraken die Freunde. Aber auch in ihnen löste sich die dumpfe Schwere der Stunde; denn es klang aus jeder Zeile der Ruf: »Sollen wir nun nicht fröhlich sein?« Ein Brief? Ach, es war ja kein Brief. Es war ein Buch, an dem Rolf Krake die erste weiße Woche des Winters geschrieben hatte; es war das Buch mit den Ereignissen von fünf Jahren. Nur Inseleinsamkeit, nur Auferstehungsglück – aber gerade deshalb gehörte ein Buch dazu.

An diesem Abende saßen sie im Wintergarten des Märchenhauses – Do und Jo, Schaffrath und Gwendolin, Kordula und Cornelius – saßen um den plätschernden Springbrunnen und lasen bis weit über die Mitternacht. Am anderen Tage riefen sie Tante Veronika und Herrn Salzer. Aber der Hügelmann kam allein, denn um die Tore des Waldes fuhr ein harter Wind und säete Novemberschnee.

Herr Salzer, der einige Verbindungen mit großen Zeitungen besaß, berichtete des Rätsels Lösung augenblicklich in die Welt. So jäh fiel die Nachricht auch in ihn, daß er gleich am Pulte Jockeles ins Schreiben geriet; »denn«, sagte er, »ich habe daheim mein Tintenfaß noch in der Sommerfrische.« Und nun erfuhr man draußen, daß Henrik Tofte nie mehr ein Bild malen würde. Damit leistete er dem blinden Mann im Fjord einen großen Dienst, denn das Wenige, was noch von ihm im Glaspalast hing, wuchs im Preise, wuchs, wuchs. Als es Henrik Tofte erfuhr, fragte er allen Ernstes: ob er sich denn nicht schämen müßte, dies sündhafte Geld anzunehmen für Dinge, die schon weit dahinten lägen in dem vergangenen Leben! Er hatte seintag keine Wage gehabt für das Gewicht des Goldes. Und nun, da andere für ihn rechneten, und da er nicht einmal mehr in seine Tasche langte, um ein Tüblein Farbe oder einen Apfel zu erstehen, nun war ihm auch der Gedanke an das Geld abhanden gekommen. Ja, solch ein König war er geworden!

Im Ausgange jenes Winters beendete Jakobus seinen Roman.

Aber wie er während der langen Zeit kaum einmal vor den Freunden von den Gedanken gesprochen hatte, die ihn bewegten, so blieb es auch jetzt. Märchen und Kinderverse für Heidi hatte er viele gedichtet, und die kannten sie alle; denn er hatte auch Zeichnungen oder gar bunte Bilder dazu gemacht, und das Kind hatte das meiste in seinem Gedächtnisse behalten. Es erzählte Mama die schönen Geschichten, wenn sie mit ihr im Garten saß. Oder es dichtete den Wintergarten in der rauhen Jahreszeit schon selbst zu einem tiefen Wald und die Blumenbänke zu dem Hexenhause der Buschgroßmutter.

So hatte Jakobus in den erblühenden Geist eine Fülle köstlichen Samens gelegt, und es war zu sehen, wie herrlich dieser in dem Segen wuchs, der ihn umschien. –

Ob Do, die Vertraute seines Herzens und seiner Pläne, von dem großen Dichtwerke ihres Mannes mehr wußte als die Freunde, ließ sich von diesen nicht erraten. Jedenfalls drang sie nie in ihn. Sie dachte, es wäre wohl die rätselvolle Seele des Rolf Krake, die ihn beschäftigte, oder das traurig-glückselige Los des blinden Königs Henrik Tofte, das ihn zu dichterischer Gestaltung verlockt hätte. Sicher wußte sie nur, daß auch sein eigenes Leben für ihn nun ein rechter Dichtertraum geworden war; denn er sprach mit ihr in jener Zeit mehr davon als je. Vor allem die Waldjahre von Ibenheim hatten sich für ihn schon mit dem Funkelglanze der Phantasie umwoben. Oft schien es, als wisse er kaum noch, was an ihnen gesehen oder Gesicht war; und seine Erzählungen glichen der Wirklichkeit wie ein brennender Weihnachtsbaum einem Tännlein im Walde.

Wenn er dann an den musikalischen Donnerstagen nach der Abendmahlzeit berichtete, so erkannten sie alle, wie heimisch sein Herz in den Gärten der Dichtung geworden war, und in wie tiefer Glückseligkeit es darin blühte.

Aber das Geschriebene den Freunden vorzulesen, dazu brachten sie ihn nicht. Fast sah es aus, als hätte er eine Scheu, sich ihnen auf den neuen Bahnen zu offenbaren – entweder weil die wissenschaftlichen Werke noch hüben und drüben wuchsen, oder weil er sich selbst noch für zu jung hielt, als Dichter etwas leidlich Vollendetes zu schaffen; oder auch, weil er den Ereignissen nicht vorgreifen wollte, die sich im Leben der Freunde vom Hardanger Fjord vor seinen Augen erfüllten.

So verschloß er dies Werk in sich, ganz gegen seine Art. Und als Salzer eines Abends im Märchenhause zu Gast war und mit Gwendolin ihn um sein Geheimnis bestürmte, entwischte er doch und sagte: »Es muß erst auf der schönen Frühlingsfahrt ins Riesengebirge vor mir selber die Probe bestehen.«