Ja, die Wagenfahrt über die hundert Meilen! Das war der Traum, der von ihm durch Jahre geträumt war und der lieblicher wurde, je länger er sich dahinspann.
Es waren dazu aber auch sehr umfassende Vorbereitungen nötig – nicht an jenen Dingen, die sie mitnehmen wollten in ihren Koffern. Die waren an einem Tage geordnet. Sondern es war Klein Heidi, ohne die der strahlende Vater durchaus nicht reisen wollte. Es war lustig anzusehen, mit welchem Eifer er das kleine goldhaarige Menschenkind für die lange Waldfahrt an Herz und Verstand ausrüstete.
Professor Salzer, der Herr nach der Mode, neckte ihn mit dieser Reise weidlich; denn er begriff nicht, warum ein Mensch von so leuchtenden Gaben mit dem Aufgebot aller Kraft in die Gebräuche des Mittelalters zurücksegeln wollte. Herr Salzer konnte in solchen Augenblicken wissenschaftliche Vorträge halten! Er hatte das mehrfach bewiesen – auch damals, als Gwendolin in der Bedrängnis ihres Herzens auf dem Bette lag und weinte und der Herr Richard Schaffrath den Werbebrief in der Brusttasche trug. Das hatte Herrn Salzer Gelegenheit gegeben zu einer Erörterung über den Begriff Tragikomödie und über einen lustigen Einfall des Plautus …
Vor der Hochwaldfahrt in der Kutsche schnitt ihm Jockele den Faden seiner Rede aber kurzerhand ab. Er behauptete: der Herr Salzer wäre gar nicht der einzige, der eine solche Reise für hervorragend hirnverbrannt und altmodisch hielte. Aber sie wären alle auf falschen Wegen; denn die Jockelereise wäre das neueste und wäre so neumodisch, daß sie für diese Zeit überhaupt noch um reichlich fünf Jahrzehnte verfrüht wäre! Erstens müßte das Automobil für Vergnügungsreisen überwunden werden. Nun, das würde in einer kleinen Frist Tatsache geworden sein. Es könnte doch kein vernünftiger Mensch meinen, daß eine Fixfahrt zwischen Staub, Stank und Sturm zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehöre.
Hm. Herr Salzer konnte dagegen nicht viel vorbringen. Er hatte sich dies Vergnügen einige Male geleistet. Aber als er mit einer mächtigen Panne sieben Stunden im Regen auf dem Thüringer Walde gelegen hatte, fern von jeder menschlichen Siedlung, hatte das Automobil als Lustfahrzeug wesentlich für ihn eingebüßt. Nach dem Automobil käme die Flugmaschine. Auch darin würde man spazierenfahren – natürlich. Aber so um 1940 herum – ermaß Jakobus – würde das friedliche Zweigespann mit behaglichem Polstersitz zu den Gepflogenheiten aller jener Menschen gehören, die es verstünden, in weisem Behagen wohlhabend zu sein. Zu solch einer neumodischen Sache gehörten freilich vier Dinge, sagte Jakobus: Zeit, Gemüt, Weisheit und Geld. Da diese vier Brüder aber nicht leicht in einem Wagen zusammenzubringen wären, bespöttelten die Menschen mit Zeit und Geld das »vorsintflutliche Vehikel«. Jockele aber hielt es mit dieser »Dichterkutsche« und sagte, schon der Gedanke an solch eine Reise beselige ihn wie die Maiensonne die Felder. Wenn er dichte, brauche er sich nur vorzustellen, er schaukele in einem weichen Wagen hinter zwei trabenden Pferden durch einen Bergwald …
Natürlich bemerkte Herr Salzer: schade, daß er das nicht früher gewußt hätte. Das Dichten wäre danach eine sehr einfache Sache, und er hätte wohl selber –
So spottete man weidlich. Aber es war nicht unzeitgemäß; denn das Märchenhaus ward getauft in jenen Jahren, in denen das Leben, das man darin führte, vor der Welt rar war wie Erdbeeren im Winter.
Das konnte selbst der neumodische Herr Salzer nicht von der Hand weisen. Und Jockele blieb der Sieger im Kampf.
Herr Salzer kam immer ein bißchen nachdenklich aus dem Märchenhaus vor die Tore des Waldes. Diesmal aber hatte er so viel erlebt, daß er der Tante Veronika gelobte, er wolle ein besserer Mensch werden, und er hätte das unfehlbare Rezept dazu gefunden.