Ob er es ihr nicht verraten wollte, fragte Fräulein Sinsheimer.

»O,« sagte er, »man knetet Gemüt, Geld, Zeit und Weisheit gut durcheinander und bäckt sie in einer Dichterkutsche bei mäßiger Sonne.«

»Ach,« lächelte Tante Veronika, »das hab' ich schon längst gewußt; denn danach hab' ich den Jakobus für sein Dasein zurechtgemacht.«

Fast die ganze nächste Woche hindurch erzählte Herr Salzer von Heidi dem Frühlingskind. Es wäre ganz unbeschreiblich, welch ein liebes herziges Wunder solch ein kleines Mädel ist …

Und in diesem Fall erlitt der alte Herr keine Abfuhr; denn Heidi war in der Sonne des Märchenhauses gewachsen wie ein schöner Frühlingstag im Herzen des lieben Gottes. Ihretwegen war die Wagenfahrt solange hinausgeschoben worden; Heidi sollte aufgeschlossen und mit der beseligenden Gabe vor die Welt treten, sich an allem zu wundern; denn es gibt nichts Kurzweiligeres im Leben, als sich zu wundern.

Eine Woche danach jubelten Himmel und Erde. Da ging die Sache los.

Hinter dem Wagen war eine Gepäckraufe angelegt für einen einzigen Koffer. Weiteres Gepäck war an bestimmte Haltestellen auf dem Reiseweg vorausgesandt. An diesen Stellen wurden alle verbrauchten Stücke aus dem Koffer ausgewechselt und liefen von dort ab zurück in die Heimat. So wurde die Reise selbst zu einer breiten Behaglichkeit – man denke: die Reise selbst! Aus der Last wurde eine Lust, aus der Hatz ein fröhliches Rasten, fast ununterbrochen in stilldurchsonnten Bergforsten. Regnete es einmal, so ward der Wagen zu einem heimeligen Stübchen, an dessen Fenstern die Tropfen spielten. Hatte man Lust zu wandern, so ließ man die Pferde des Weges trotten, schlug sich hinüber auf einen freundlichen Pfad im Hochwald, und Klein Heidi konnte den Frühling in beiden Fäusten halten. Ward sie über Tag müde, so schlief sich's daheim in ihrem Bettchen nicht halb so schön wie in den sanft dahingleitenden Polstern, über die sich die blaue Seide des Himmels deckte. Und wenn der Abend dämmerte, kam man zu dem im vorhinein bestimmten Gasthause. Da standen die Zimmer blank und gerüstet, da wartete ein Mahl, und da wartete die Genugtuung über den herrlich hinabgeblühten Reisetag; denn es wickelt sich auf der ganzen Welt nichts behaglicher und mit schönerer Pünktlichkeit ab als die wohlbedachte Fahrt in solch einer Dichterkutsche.

Das ist ein Ding, von dem die fixe Zeit und das jappende Menschenherz seit anderthalbhundert Jahren die Wissenschaft verloren haben.

So kamen sie in die Waldstille des Fichtelgebirges. Sie kamen am fünften Tage zwischen Keilberg und Fichtelberg auf die Kammstraße des hohen Erzgebirges, und die Rösser traten auf der breiten Bahn in Sonne und Bergwind. Wieder fünf Tage – da durchquerte man das Elbsandsteingebirge mit seinen zerklüfteten Felsen und setzte bei Herrnskretschen über den Strom. Man gelangte ins Zittauergebirge, ins Isergebirge, ins Riesengebirge. Sie kamen am Hohen Rad vorbei und sahen die Elbquellen. Sie standen auf der Schneekoppe und kamen durch finstere Forsten, in denen die Fichten so wohlbetagt sind, daß sie ihre Bärte auf der Erde schleppen. Sie strichen vorüber an der »Kanzel Rübezahls« bei der Schneegrubenbaude; und weiter ging es die Kammstraße lang nach dem Zackenfall. Ihre Herzen wurden Säle, und diese Säle füllten sich mit schönen lichten Bildern, vor deren jedem man ruhen konnte, wie Rolf Krake ruhte vor der Madonna in Rosen. Sie rasteten noch einmal zur Nacht in dem Städtchen Freiheit, wie es vorausbestimmt war – es war nur eine halbe Stunde von ihrem Reiseziel Johannisbad entfernt. Aber sie rasteten und gelangten ins Johannisbad so sauber, so froh, so erdselig, als wenn sie sich daheim im Märchengarten nach süßestem Schlummer an den funkelnden Frühstückstisch setzten. Und Johannisbad war in den Bergwald gefallen wie das Bild eines Sterns in einen dunkelgrünen See.