Ja, so war diese Fahrt in der Dichterkutsche.

Sie dauerte fast den lieben fröhlichen Mai hindurch. Aber es war der köstlichste Frühling, und war so köstlich, daß kein Dichtertraum hinreicht, dieses Erleben zu schildern.

Sie hätten in ihrem Reisewagen auch in der halben Zeit am Ziele sein können, ohne die Pferde zu wechseln. Aber Jockeles Zigeunerherz hatte sich vorgesetzt, drei Monate also durch die Welt zu gleiten, den Frühling erblühen und vergehen, den Sommer heraufkommen und reifen zu sehen geradeswegs aus der Hand Gottes und in langsamen bunten Bildern …

Die Menschen, die von dieser Reise lesen, meinen: so etwas wäre nicht auszuhalten; in solch einer Dichterkutsche müßte man ja vor Langeweile sterben! Aber: sst, lieber Leser und geliebte Leserin – wie furchtbar altmodisch ist solch eine Anrede wieder mal mitten in der Erzählung, gelt? – sst, sag' du das nicht, lieber Leser! Denn du möchtest doch zum mindesten jenen Menschen ähnlich werden, die mit den vornehmen Herrschaften Zeit, Geld, Gemüt und Weisheit durchs Leben fahren; aber solche Menschen haben nie Langeweile – Langeweile haben nur Dummköpfe …

Es war Ende Mai geworden. Aber die Tage im Wagen waren nun doch rasch vergangen; denn Klein Heidi riet an Gott und der Welt herum und tat, als müßte sie alle Rätsel des Daseins lösen. Sie wollte wissen, wie lang die Wälder wären, und was hinter dem blauen Tuche des Himmels ist, und wie die Wege über den Sternen aussehen, und ob der liebe Gott auch eine Dichterkutsche hätte, und ob die kleinen Engel mit den Sternen Fußball spielten oder Wurfball, und ob sie auch so schöne Musik machen könnten wie die Kurmusikanten von Johannisbad, und ob Rübezahl auf der Kanzel bei der Schneegrube Sonntags eine Predigt hielt, und ob dann die Riesen kämen und ihm zuhörten …

Manchmal mußte Do diese Fragen beantworten, und manchmal Jockele. Und es kam dabei heraus, daß Eltern furchtbar gescheite Leute sein müssen, wenn sie solch ein kleines Menschenwunder nicht heißhungrig vom Tisch ihrer Weisheit aufstehen lassen mögen.

Aber sie standen beide ihren Mann. Frau Do kam dabei meist mit ihrem natürlichen Verstand aus – der Herr Doktor aber mußte eine geradezu unnatürliche Findigkeit aufbieten.

Es gelang ihm betörend. Auch Mama hörte da gleich mit zu; und Heidi lehnte mit weitoffenen Augen zwischen Väterchens Knien und konnte gar nicht erwarten, bis die wunderschönen Weisheiten wohlbedachte Worte waren. Sie verstand alles herrlich, so herrlich, daß sie behauptete, Papa könnte ebensogut der liebe Gott sein und die Welt regieren. Dabei fiel ihr ein, wie das eigentlich gemacht würde, dies Regieren?

Man kann sich vorstellen, daß ein findiger Verlag auf den Einfall käme, ein hundertbändiges Lexikon herauszugeben, in dem immer nur vom Weltregieren die Rede wäre, und an dem die zehntausend besten Gelehrten der Welt hundert Jahre zu arbeiten hätten – Jockele aber mußte diese Aufgabe in einem halben Nachmittage lösen! Es gelang; doch stand er hernach tief erschüttert und sagte: seine mündliche Doktorprüfung wäre dagegen ein Kinderspiel gewesen.