Schon allein daraus ist zu erkennen: langweilig ist es in einer Dichterkutsche keineswegs.

Aber Klein Heidi war nur ein Teil der Reisegesellschaft und Reiseaufgaben, wenn auch der lieblichste; denn da war noch das Werk über die Flechten; da war der Roman; da war wiederum Heidi, das Märchenkind; da waren der Hügelmann und die Hügelfrau, die im Geist an der Fahrt teilnehmen wollten; da waren ferner der Herr und die Frau Professor Schaffrath, Kordula und Erich Meyer, der blinde König und sein Freund Rolf Krake, die immerfort in der Auferstehung begriffen waren – kurz: wenn die Reise nicht so lang gewesen, wäre es gar nicht gegangen.

Vier Stunden der Tagesfahrt brauchte Heidi allein zur Vervollkommnung der Wertschätzung ihres Papas. Wenn er ihr zwanzig Märchen erzählt hatte, wollte sie wissen, ob es tausend gäbe, und ob er sie nun alle erzählt hätte, und er sollte doch gleich noch mal von vorne anfangen, und bei jedem neuen wollte sie einen Knoten in die Schnur ihres Nastuchtäschleins knüpfen, damit kein Irrtum entstehe …

So lief das weiter. Und so ging die Fahrt herum. Rübezahl und Papa traten für die Kleine allgemach an die Stelle des lieben Gottes.

Abends schrieb Jockele manchmal noch einen Brief in den Hardanger Fjord, ans Horn oder an die beiden Alten im Frühlingshause; denn eigentlich müde wurde man ja von diesem neumodischen Reisen nicht, sondern nur ungeheuer wohlig und ausgeruht. Was daher kam: man hatte sich ganz voller Himmel und Hochwald geatmet.

Da passierte etwas. Es passierte etwas ganz Unerhörtes.

Als die Dichterkutsche hinter Oberwiesenthal auf die Kammstraße des Erzgebirges rollte – das war also am fünften Tage nach der Ausreise – bekam Herr Salzer das Fieber.

Einen Tag lang trug er es schweratmend mit sich herum. Am nächsten Morgen fand es sich: auch die Tante Veronika war angesteckt worden. Salzer, der sogar einen grauen Zylinderhut riskiert hatte, wollte unter keinen Umständen hinter der Zeit dreinhinken. Er stellte also fest, daß ihre Krankheit das Reisefieber wäre. Das ließe sich nur heilen, wenn sie schnurstracks einen Wagen nähmen und hinterdrein führen.

Weiß Gott, die Sache wurde gemacht!

Als die Dichterkutsche ins Isergebirge einbog, setzten sich die Rösser vor der zweiten in Ibenheim am Walde in Bewegung. Tante Veronika diesmal in einem neuen grauseidenen Umhang, den ihr Herr Salzer gestiftet hatte, in einem silbergrauen Kapotthütchen mit veilchenfarbenen Bindebändern und mit dem gelben Krückstock. Und Herr Salzer im grauen Zylinderhut. Es war außerordentlich.