Er fing das Wünschen auf dieser Bootfahrt überhaupt zum erstenmal an. Denn was er bis zur Stunde an anderen Menschen wahrgenommen, das besaß er selber in Hülle und Fülle. Sogar Geld, so viel er wollte. Früher hatte er sich auch darum den Teufel gekümmert. Aber seit ihm das Schicksal James und Johnny gesandt – eine Berliner Sturmschwalbe hatte sie in scharfem Spotte »die beiden Jötter« genannt – seitdem hatte er auch davon mehr, als nötig war. Er brauchte nur den Pinsel in sein Genie zu tunken und – er vermöchte in einem Jahre die gesamte Kulturwelt mit Begeisterung für ihn zu übermalen, behauptete Gwendolin. Und die mußte das wissen. Sie war ihm eine strenge Richterin. Aber er fühlte dazu – als ein richtiges Genie – nicht das Bedürfnis. Na, und wenn schon! Was hätte denn das alles zu sagen gehabt gegen die Taten des einzigen Menschen Jockele? Was denn? Dieser Jockele hatte sich geboren werden lassen in eine Sommernacht mitten im thüringischen Bergwald. Dann hatte er sich von der Zigeunerin, die seine Mutter war, auf die Schwelle der gütigsten, sehnsüchtigsten und weisesten Tante Veronika legen lassen. Diese Tante setzte sich von Stund' an mit all ihrer Weisheit und ihrem Gelde für ihn ein. Und so früh es nur anging, nahm ihn das Schicksal auf wie einen goldenen Ball und warf ihn schönen oder klugen Mädchen zu, die ihn mit geschickten Händen fingen. Als die letzte hatte sich dies Schicksal Doris Rinkhaus aufgehoben. Die war ausgemachtermaßen so etwas wie die Krone unter den Frauen. Ja. War es denn anders möglich, als daß bei solch einem Lebenswandel der Zigeunerbub in ein paar Jahren sogar ein Doktor hieß? Und daß er nun – acht Tage nach seiner Hochzeit mit der gescheitesten Frau der Welt – im Boote den Hardanger Fjord entlangglitt und mit Do die Wohltaten erwog, die sie ihm und den Sturmschwalben angedeihen lassen wollte? Wenn diese beiden morgen nach Ägypten und in ein paar Tagen nach Hinterindien fahren wollten, so fuhren sie – das Schicksal würde nicht das mindeste dagegen einwenden.

Jawohl, Rührung und Freude weinte das lange Genie über diesen Erwägungen an die Ränder seiner Augen. So sah es nun in Henrik Tofte aus! In jeden Gedanken drängte sich der Begriff des Schicksals. Schicksal war das einzige Ding, vor dem der Riese auf der Osterinsel Respekt hatte – das heißt: wenn man Gwendolin Vogelgesang abrechnete. Schicksal – damit ließ sich doch noch etwas anfangen! Aber bloß mit Genie? Pah! – Henrik Tofte war ein Fatalist.

Das Leben der Sturmschwalben, die in jenem Frühling auf der Insel im Hardanger Fjord zusammengeflogen waren, war äußerlich wohl sehr arm an Ereignissen. Es war von der Art, welche Menschen aus dem Durchschnitt »gräßlich langweilig« finden. Wie es denn die einzige Eigentümlichkeit solcher Durchschnittsleute ist, jede Stunde fad und abgegriffen zu machen, in die sie treten. Von dieser Gattung kamen auch etliche. Sie flogen herzu, weil sie sich draußen in den Ländern hatten davon erzählen lassen. Genau so, wie Do und Jo durch Hanna von Fellner von der gastlichen Stätte erfahren hatten und neugierig geworden waren. Und da diese Wandervögel nicht fanden, was sie erwarteten, zogen sie rasch wieder fort. Für die anderen aber war jeder Tag eine schöne schimmernde Schale, voll bis zum Rande.

Der Anbau, in dem Sinsheimers nisten wollten, wurde gleich in Angriff genommen. Er bekam, wegen der gefälligen Silhouette, auch noch ein Zimmer als Oberstock, das sich turmartig über denen zu ebener Erde erhob. Der Mai stand in goldener Fülle über der Welt. Die Stämme, die schon behauen bereitlagen, mußten nur auf die gegebenen Maße zugeschnitten werden. So war der Bau ein Werk von Tagen.

Do und Jockele, Henrik Tofte und Gwendolin und Krake waren um diese Zeit zu einer Mal- und Studienfahrt auf die Berge gezogen. Sie hatten sich für zwei Wochen ausgerüstet und wollten nordwärts bis zu dem großartig düsteren Songefjord. Nur James und Johnny waren daheimgeblieben, saßen im Krakesaal, blätterten in Zeitschriften und rauchten aus ihren Shagpfeifen. Draußen lag eine sehr finstere Neumondnacht.

»Meinst du, daß Gwendolin und Tofte heute zurückkommen?« fragte James.

Johnny zog die Uhr. »Es ist noch eine Stunde bis Mitternacht,« sagte er. »Ich glaube, wir fahren hinüber. Warum wartest du?«

»Weil Nane Thord noch nicht schlafengegangen ist und wohl auch wartet. Ich habe sie vor zwei Minuten hinausgehen hören.«

Da schritten sie durch die neue Tür in den Anbau, der schon überdacht war. Aber die Fenster waren noch nicht eingehängt. Sie sahen da und dort noch einen goldenen Stab Licht in dem schwarzen Wasser stehen wie Laternenträger. Die Flut flüsterte im Gestein.