»Nein, es ist ein Mensch,« sagte Johnny und lehnte sich auf den Fensterstock und hielt den Atem an.
Der Laden vor Nane Thords Stübchen war geschlossen. Es war aber ein Herz in jeden Flügel gesägt, so daß zwei Bündel Licht von Nanes Lampe in die Finsternis fielen. Die lagen nun draußen auf der Klippe wie zwei Augen. Und dazwischen stand eine Stranddistel oder eine kleine Birke oder sonst ein Gewächs, das von dem Schein ein wenig abbekam, ebenso wie der Zackenrand des Ufergesteins. Man konnte sich zwischen Traum und Wachen wohl ein wunderliches Bild von dieser Erscheinung machen.
James und Johnny rührten sich nicht. Aber so sehr sich ihre Augen nun an die Dunkelheit gewöhnt hatten, so konnten sie doch nichts weiter entdecken als das reglose Scheinen, das gespenstisch gewesen wäre, wenn sie nicht beide gewußt hätten, woher es kam.
Nane Thord sahen sie nicht. Weil sie aber gehört hatten, daß sie hinausgegangen war, erkannten sie ihre Stimme. Sie sagte: »Du kannst sehr ruhig schlafen, Lars Thord. Warum willst du nun in der Nacht hier sitzen und angeln? Mir scheint, du nimmst dir diese Arbeit nur zu einem Vorwande; denn das wissen wir wohl auch, daß sie dort keine Fische essen, wo du nun bist. Es war schon bei deiner Erdenzeit so: immer, wenn du Blockholz schichten oder eine Axt schlagen hörtest, mußtest du hin und sehen, was sie da treiben. Du darfst aber ruhig schlafen, Lars Thord. Es geschieht deinem kleinen Hause nichts. Oder willst du mir sagen, daß wir seltsamen Besuch erhalten? Du bist nun schon zum drittenmale da – zuletzt war es, ehe Rolf Krake kam. Das ist, weil du dir einbildest, man könnte nicht ohne dich fertig werden, Lars Thord. Du mußt das aber nicht meinen. Es ist nun schon die vierte Nacht, daß ich den Schlaf nicht finden kann, weil ich dich um das Haus streichen höre …«
James und Johnny vernahmen schlürfende Schritte; und als sie wieder in den Saal traten, stand Nane Thord am Tisch und schaute sie aus ihren großen grauen Augen an. »Ich wunderte mich, daß Sie weggegangen sein sollten – und hätten doch das Licht brennen lassen?« sagte sie.
»Kommen Sie eben von draußen?« fragte Mister Johnny mit erzwungener Ruhe.
Da strich sich Nane Thord mit der Hand über die Stirn. »Ja – ich bin wohl einmal hinaus gewesen,« sagte sie in ihrer trockenen nordischen Art.
So hatte Gwendolin nun doch richtig gesehen: Nane Thord hatte ihren Wunderschlaf und ihre nächtlichen Erlebnisse! Und als James und Johnny wieder allein waren, wußten sie: sie würde sich jetzt zu Bett legen zu einem tiefen, traumlosen Schlafe.
Johnny war über all dem stark aus dem Gleichgange gekommen. Aber Mister James rieb sich die Hände und rief: »Welch eine lächerliche Komödie!« Er meinte damit: die Komödie wäre großartig und gefiele ihm ausgezeichnet; denn sie hatte ihn auf einen leuchtenden Einfall gebracht. Er trug nämlich seit einer Woche den Brief eines Londoner Kunsthändlers Watson in seiner Tasche, der an ihn und John Williams gerichtet war und ihnen den Besuch des Herrn Watson ankündigte. Aber diesen Brief hatte er seinem Freund Johnny verschwiegen; denn er hatte geglaubt, Johnny würde an der Malfahrt der anderen teilnehmen – der Besuch des Händlers wäre ihm also nicht von Nutzen gewesen. Nun aber lag nur noch eine halbe Nacht zwischen ihm und der Gefahr, und in höchster Not sprang er mit Hilfe von Nane Thords Schlafwandel gleich mitten hinein in die Verwicklung.