»Warum heiraten Sie ihn dann nicht?« fragte Rolf Krake.

»Weil ich zu fleißig bin,« sagte sie gefaßt. »Er würde dann nie in die tiefe Not geraten, vor der er sich fürchten muß. Eine kleine Malerin kann aber nicht sich und diesen Riesen und am Ende eine Familie erhalten mit ihrer Kunst. Trotz allem: ich mag ihn furchtbar gern leiden. Sehen Sie, das ist die Tragik meines Lebens. Aber ich werde daran nicht zugrundegehen.«

»Plumm plumm,« machte Toftes Gitarre. Er hatte sich an den Tisch gesetzt und folgte diesem Gespräche mit großer Aufmerksamkeit. Sie redeten von ihm, als wäre er gar nicht da.

»Liebe Gwendolin,« begann Rolf Krake wieder, »wäre es nicht die Aufgabe einer Frau, dieses Genie für immer in ihre Macht zu bringen, damit es ranke und blühe nach ihren Gedanken?«

»Man könnte das meinen,« entgegnete Gwendolin. »Aber dann kennt man Henrik Tofte flach. Auf die Dauer erkennt er nur einen einzigen Herrscher an über die Riesenmaße seiner Begabung; und dieser König ist der Augenblick.«

Es war ein Uhr geworden. Tofte hatte sich schon über Gebühr von dem Gericht über sich selbst fesseln lassen. Er hatte für die Mitternacht Leute auf die Insel bestellt, die an Drähten hunderte von Papierlaternen aufhingen … So kommandierte er die Welt. Wohin er kam, regierte er und dachte doch nicht daran. Aber sich selbst konnte er kein anderes Gesetz schreiben als das von der rasenden Unbeständigkeit des Willens. Nur so vermochte er sich zu ertragen. »Meine Freunde,« sagte er nun, »die Nacht ist lieb und heiß wie Gwendolin, und sie ist schwer vom Dufte der Rosen, des Weins und der Berge …«

»Plumm plumm!« Und Henrik Tofte sang das Lied vom Rattenfänger. Da mußten sie alle hinterdrein und zogen hinaus in die liebe heiße Sommernacht, wo die blonde Marit einen Tisch unter vielen stillen Lampen gedeckt hatte. Und weit drüben am Ufer standen die Menschen und sahen die Ranken der blühenden Lichter in der weichatmenden Nacht und in den weichatmenden Wassern und lauschten dem Sänger. Dann zischten von den Rändern des Fjords die goldenen Schlangen eines Feuerwerks empor – oh, Henrik Tofte hatte heute »viel« Geld eingenommen von James und Johnny! Und Henrik Tofte stand nun auf dem Dache. Stand dort mit einem wallenden Barte und in einem langen wehenden Mantel, wie ein Geist, der aus dem Berge gestiegen, und sang zu geschlagenen Saiten. Es war immer so: seiner Kraft schienen keine Grenzen gezogen – je mehr er von ihr forderte, desto mehr gab sie. Er hatte nie so übermächtig gesungen wie an den Säumen dieser Mitternacht. Es war ein Lied der Liebe. Er huldigte damit Gwendolin. Und so klang es aus:

Hell hauchte der Glanz des Nebelfalls
In silbernes Herbstgespinn.
Die weiße Hand strich der Stute den Hals
Und sagt' ihr doch nicht, wohin.
Am Waldbach perlte der Erlenbaum,
In den Runsen rauschte das Wehr;
Sie ritt vorüber, sie ritt im Traum,
Und das Glück ritt nebenher.
Heim ritt sie. Um die Hufe klang
Der klingende Abendtau.
Und wie sie aus dem Sattel sprang
Da jauchzte die selige Frau.

Die bunten Lampen begannen zu verlöschen. Noch verabredete man für den Vormittag eine Lustfahrt in bekränzten Booten nach der Fjordstadt Elde, um die sich die Berge türmen und der Sommer blühte. Ein großer Zeltzirkus hatte dort Einzug gehalten. Dann geleitete man Do und Jockele wie ein Brautpaar zur Schwelle ihrer Kammer, in der sie zum ersten Male schliefen. Aber Henrik Tofte fand, das Fest wäre noch lange nicht zu Ende. Er ruderte Rolf Krake, James und Johnny hinüber ans Land. Und als er allein in Boot und Nacht war, streifte er darin um die Insel. Das Glück Jockeles und seiner Frau machte sein Herz sehnsüchtig – er wußte nicht wie. Er glitt ein Stück hinaus in die Flut und verwandte kein Auge von dem einzigen Fenster, das noch hell war auf dem Eilande. Es war das Gwendolins. Dann trieb er das Boot an den Rand der Klippe, kletterte empor im Gestein und rief leise Gwendolins Namen. »Komm zu mir!« bat er.

Da dachte sie: es ist nicht ungefährlich. Aber sie ging doch. Es war fast, als hätte sie auf ihn gewartet. Darum war sie ungeheuer gewappnet. Und die Nacht war spät; es hauchte schon der Tag an die Zinnen des Gletschers.