Endlich kam er – da war es zum Weinen.
Er trug die Drahtseiltänzerin Miß Millie auf der freien Hand herein und schwang sie auf das gespannte Seil. Er hatte das Kleid eines Hanswurstes an, genau wie der Zwerg, hatte eine weiße Riesenfilzmütze wie dieser, hatte sich das Gesicht gepudert und die Nasenspitze und jede Wange mit einem schwarzen Tupfe geziert. Mit der Mütze reichte er beinahe bis an das Zeltdach. Seine Einkleidung aber war ohne Wissen des kleinen Mitclowns vor sich gegangen. Deshalb staunte ihn keiner gewaltiger an als dieser. Er fand sich aber rasch in die Lage und stellte ihn den Zuschauern vor als seinen großen Bruder. Weil er immerzu schwätzte, und Miß Millie doch endlich ihre Kunststücke vorführen wollte, nahm der neue Clown ihm den Zuckerhut ab, klemmte ihn hinter ein Seil unterm Dache und steckte das Männlein einstweilen in seine Hosentasche …
Es war überwältigend, und der Erfolg der Eröffnungsvorstellung war schon mit dieser Improvisation gerettet.
Der Kleine, den man nun in der Tasche der Pluderhose herumkrauchen sah, drohte die Hauptnummer der Seiltänzerin in Gefahr zu bringen; denn natürlich guckte er alsbald heraus wie aus einem Fenster. Es war so hinreißend, daß Henrik Tofte eine Zeit mit ihm aus der Arena verschwinden mußte, was dadurch glaubhaft gemacht wurde, daß ein Nachtwächter mit Spieß und Laterne kam und den geharkten Sand nach dem großen Bruder des kleinen Mannes ableuchtete. Als er ihn endlich gefunden hatte, verhaftete er ihn.
Als »letzte Nummer« aber trat Henrik Tofte wieder auf. Und zwar als Schnellmaler. Natürlich hatte er den Kleinen immer noch im Hosensack und tat, als hätte er das ganz vergessen. Damit ihn die geschwollene Tasche nicht beim Malen störe, entledigte er sich ihres Inhalts. Er zog ganze Steine bunter Kreiden hervor, eine Tabakspfeife und zwei Beutel – in dem vollen war Tabak, in dem leeren kein Geld. Danach holte er die Rollen seines Malpapiers hervor und zuletzt den kleinen Mann, über dessen Vorhandensein er natürlich äußerst verblüfft war. Deshalb ließ er ihn an seinem freien Arm herumkrabbeln wie einen Käfer.
Danach lief der Kleine nach einem Rahmengestell. Daran hefteten sie das Zeichenpapier. Der große Bruder begann sein Werk. Zuerst zeichnete er Gwendolin Vogelgesang – eins, zwei, drei … und schon war sie fertig. Jedermann sah, daß sie es war. Er überreichte ihr das Bild mit komischer Eleganz. Er zeichnete schöne Mädchen und alte Fischer, wie sie da umhersaßen. Und zuletzt brachte der Kleine einen Riesenrahmen geschleppt, den stellte er vor dem Eingange der Sandbahn auf und rief: »Ha, du bist ein großer Maler, mein Bruder – du bist ein so großer Maler, daß ich deine Hosentasche als Schlafstelle gemietet habe! Aber du kannst nicht das große Meer malen.«
»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte.
»Das ganze Meer? Mit dem Sturme? Und mit Schiffen in Not? Und alles auf dies kleine Papier? Ha!«
»Kleinigkeit!« sagte Henrik Tofte und begann zu malen. Die Fläche maß zehn Geviertmeter. Er sprang um das Papier, als wäre er aus Gummi: bald kroch er in sich zusammen, bald schnellte er empor, als hätte er eine Feder aus Stahl im Leibe. Und aus seinen bunten Kreiden schuf er das Meer. Wozu der liebe Gott einen Tag gebraucht hatte – oder tausend Jahre … Henrik Tofte machte das in sieben Minuten. Und der kleine Bruder saß auf dem Sand und heulte den Sturmwind darüber.