So kam es, daß Johnny für die Leute auf der Insel nahezu unsichtbar ward. Es hieß, er feiere seine Auferstehung in der Romantik der Berge. Mister James dagegen hatte nach dem Vorbilde seines entschwundenen Meisters ein weit größeres Vertrauen zu seinem guten Stern als zu seiner Arbeit und Mühe. Ganz im geheimen erwog er, ob es nicht ratsamer sei, die sonnige Hanna von Fellner und ihre Wohlhabenheit sich gewogen zu machen – trotz dem »Karauschenteich«. Diesen Traum träumte er bald aus und zog der Leuchte Gwendolins nach. Aber auch das war ein Irrlicht.

Do hatte sich über allem mit heißem Eifer in das Studium der norwegischen Sprache gestürzt. Eines Tages fand sie bei Ibsen das Gedicht von der »Sturmschwalbe«. Dabei hatte sie eine Offenbarung. Sie übersetzte es in ihrer klaren Einfühlungskraft und ihrer freien Art:

Draußen, wo sich den Klippen die Wildsee vermählt,
Wohnt die Sturmschwalbe. Ein Seemann hat mir erzählt:
Sie schneidet den Schaum der Wogen, ein geflügeltes Schiff,
Sie tritt das brandende Meer und zerschellt nicht am Riff.
Mit den Wellen sinkt sie, mit den Wellen steigt sie zur Höh',
Mit der Stille schweigt sie, und sie schreit mit der kreischenden Bö.
Sie fliegt nicht, sie schwimmt nicht: wo Himmel und See sich mischt,
Geht ihre Fahrt, zwischen Sonne und wogendem Gischt.
Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer –
Sturmschwalbe, wo nahmst du den Mut zum Leben her?

Do wollte weder aus dem Gedichte noch aus der Offenbarung, die sie davor gehabt hatte, ein Geheimnis machen. Sie kannte nun die Leute alle bis auf die letzten Kammern ihrer Herzen, die sich die Sturmschwalben nannten. Rolf Krake hatte mit jenem Namen ihren stolzen Flug zu den Höhen des Lebens kennzeichnen wollen, zu denen nur seltene Menschen den Aufschwung probieren. Er war ihm eingefallen in beglückter jugendlicher Überhebung und in einer Stunde, in der er die Maße zu sich und der Erde wohl einmal nicht bei der Hand hatte. Aber nun wußte Do: Rolf Krake war auch mit der Naturgeschichte der Sturmschwalbe nicht vertraut gewesen, sonst hätte er zu erhabenem Sinnbild nicht dies Geschöpf gewählt, das, nach alter Seemannsmär, weder fliegen noch schwimmen kann, sondern in ewigem Wechsel bald das eine versucht, bald das andere, und sein Element doch niemals findet. »Sturmvögel« hatte Rolf Krake sagen wollen; denn in dem Namen sollte das Symbol des Kampfes einer hochgemuten Jugend mit den Stürmen des Lebens aufgestellt werden.

Nun sprachen sie darüber. Es war abends an dem runden Tisch im Saal. Do dachte zwar, daß ihm das aus mangelnder Naturgeschichte passiert wäre – aber: es konnte auch aus überlegen spottender Erkenntnis gewesen sein.

»Nein,« gestand er, »es ist eine Dummheit gewesen … Je nun, vielleicht war es das Gescheiteste, was mir je eingefallen ist; denn wir alle – mit Ausnahme von Jakobus und Doris – sind wir nicht die leibhaftigen Sturmschwalben der Seemannsmär? Zu leicht zum Gleiten am Grund, zum Fluge zu schwer?«

Sie saßen bis gegen Mitternacht. Und weil sie sich voreinander nicht versteckten, war dies Gespräch für alle voller Erkenntnis und Gewinn.

Am anderen Tage war Jockele mit Hanna schon vor Sonnenaufgang zum Karauschenteiche hinan auf das Fjeld gewandert. Die neuesten Werke über die Froschlurche stimmten seltsamerweise darin überein, daß der grüne Wasserfrosch ein Schattentier wäre – etwa wie die Kröte. Der Doktor aber hatte beobachtet, daß gerade dieser mit der Sonne an den Teichrand stieg und mit ihr um den Saum des Wassers wanderte, immer ängstlich darauf bedacht, in der vollen Bestrahlung zu sitzen. Auch anderen Irrtümern der neuesten Forschung war er auf der Spur. Sie betrafen alle die Lebensweise der Frösche und nicht die Kenntnisse, die man sich in den zoologischen Instituten der Hochschulen aneignen kann.

Johnny und Gwendolin waren ebenfalls schon mit dem Malzeug fjordaufwärts gefahren. Do hatte eine Bergwanderung mit Rolf Krake vor. So blieb James allein daheim. Aber auch er ward von Nane Thord kaum gesehen; denn er steckte den Tag über mit seinem Boote im Rohr am Ende der Insel und strich Schilf und Ruder mit Zinkfarbe an, die in der Nacht leuchtet. Dabei setzte er ein sehr geheimnisvolles Gesicht auf.

Es wurde wieder einmal ein ereignisvoller Tag.