Vorbei war's, ehe sie recht erkannten, was ihnen da begegnet war.

Henrik Tofte aber sank in seinen Ecksitz und ließ den Rausch eines Kusses über seine Seele perlen wie schäumenden Wein über die dürstende Zunge. Diesen Kuß hatte er sich von Gwendolins Lippen genommen in der jähen Sekunde des Abschieds und in wildausbrechendem Glück. Nun schwieg er. Schweigend hob er die Finger zum Schwur und deutete auf seinen Mund. Das sollte heißen: »Ich werde fortan als stummer Mann durch meine Tage ziehen; denn ich darf den Kuß nicht zertrümmern, der mir auf den Lippen blüht.«

So sahen die Schwüre des »großen Lichts« aus. Keine wußte das besser als Gwendolin. Darum reiste Henrik Tofte nun in das neue Leben und – sie war nicht dabei.

Doch, es gibt keinen Fleck Erde, über dem sich die schwarzen und die roten Fäden hastiger durcheinanderwerfen zu dem närrischen Gewebe des Lebens als über jener Stelle, auf der die Fünf von der Osterinsel dem wunderlichen Gesicht noch lustig und betroffen nachstarrten, das sie soeben gehabt hatten – und schon pustete der erwartete Zug in die Halle. Deshalb lösten sich Rolf Krake und Hanna von den anderen … Hanna, die Gwendolin und Do noch gerade von hinnen funkeln sahen; und Rolf in ehrlichem besinnlichem Frohsinn vor dem Bruder.

Und dann brachten sie ihn, den Doktor Woldemar Krake, der sein Herz voll heißer Liebestatkraft dem sausenden D-Zug hatte voranfliegen lassen! Der andere hatte überwunden. Aber Do dachte auch jetzt: sie können wohl Stunden haben, in denen der eine sich mit dem anderen verwechselt.

Da war das gleiche schmale, bartlose, scharf modellierte Gesicht mit der auffällig hohen Stirn. Darüber dünnes blondes Haar, nach rückwärts gestrichen – es wehte bei Rolf Krake vor jedem Sturme der Seele. Und die Augen lagen unter der kraftvollen Stirn, grau und groß, wie Nane Thords Augen, die das Wundern so gut verstanden. Woldemar ging auch ein wenig vornübergebeugt, genau wie Rolf. Er sah nicht geschmeidig aus; aber es stand der Jugend beider gut und vornehm. Es war fast so, als käme das Übergewicht der Besinnlichkeit in dieser Haltung zum Ausdruck. Die gleichen Kräfte des Geistes hatten sich die Krakestirnen geformt; die gleichen Kräfte des Gemüts stimmten sich diese Stimmen und Seelen. Aber der eine ging gern mit der Stunde, ob sie laut war oder leise. Der andere verhielt sich ihr zu aller Zeit.

In Hamburg machten sie sich einen vergnügten Tag, und es war ihnen wohl anzumerken, daß ihnen die Buntheit der großen Stadt nach der Ruhe ihres heimeligen Winkels im Fjord zu einem genußhaften Erleben wurde. Abends waren sie in St. Pauli. Als sie lange nach Mitternacht in ihr Gasthaus am Alsterbassin kamen, sagte Do:

»Mir ist, als müßte ich mich nun zum Trocknen auf die Leine hängen; denn wir sind immerfort durch bunte klingelnde Gewässer gehüpft, ich habe mich vollgeplätschert bis zu den Scheiteln.«

»O,« sagte Woldemar Krake, »wenn Sie gerade aus dem Examen kämen, klänge Ihnen das kecke Lied vom Brettl wie Engelsang, und die Spritzer aus flachen Wässern würden Ihnen zu einem Bade der Wiedergeburt. Es war ein feiner Tag. Gute Nacht.«

Danach schliefen sie einen fixen Schlaf; denn des Morgens halb fünf Uhr mußten sie schon auf dem Dampfer sein. Als sie hinkamen, hatten sie noch alle Nerven voll Klingeling und Gestern und die Lider voll zerbrochenem Schlaf und standen auf dem Deck herum und sahen, wie noch rasch letzte Lasten auf dem Dampfer verstaut wurden, und schwiegen sich an und dachten: es riecht nach Teer.