»Hm,« machte er aus einem lustigen Nachdenken heraus, »die Wanderung durch den philosophischen Steinkauz fesselt mich gegenwärtig weniger, sondern vielmehr die Anschauung: die Seelen fliegen nach dem Tode des Körpers auf den Mond. Dort wohnen sie während des zunehmenden Mondes, aber bei abnehmendem steigen sie mit dem Regen herab und gehen je nach ihren Taten in höhere oder niedere tierische Körper ein oder sogar in Pflanzen.« Solcherart waren die Gespräche, die sie über das Herz der Nacht hinweg am Herdfeuer auf der Insel führten. James King aber saß dabei und wunderte sich und sagte: »Vom Geschäft reden die jungen Deutschen niemals. In England lacht man über sie, und in Amerika nennt man sie ›the greenhorns‹ und füllt das Wort ›dutch‹ bis obenhin mit Verachtung. Ich glaube, es kommt die Zeit, da werden sie es spüren.« An diesem Abend erfuhr er auch, daß Gwendolin eine Böhmin wäre, und es kam heraus, daß der gescheite James sich Böhmen als eine Insel im Ozean dachte. Doch – er berief sich dabei auf Shakespeare. Gwendolin nahm sich den Mister James daraufhin in ihrer witzigen und leuchtenden Art vor. Es wurde so launig, daß sogar Rolf Krake vor Vergnügen seine Schenkel schlug und Mister James auf allen vieren um den runden Tisch galoppierte. Er hatte den grauen Anzug an.

Dieses Schauspiel verpaßten Hanna und Woldemar. Gleich nach Rolfs Mondfahrt waren sie hinausgegangen in die Nacht: sie wollten hören, ob die Käuze riefen – dann gäbe es anderes Wetter, und sie müßten die Kletterpartie auf den Folgefond verschieben …

Es war eine Neumondnacht voll Klarheit und stiller Sterne und doch so finster im Schatten der Berge, daß sie sich ganz fest umschlangen. Zu der Bank im Rohre fanden sie sich aber doch.

»Holla,« rief Woldemar, »es liegt schon einer da!«

Da verfiel Hanna in ein schütteres Lachen. »Ach wo,« sagte sie, »ich habe vor dem Essen rasch meinen Mantel und das dicke Umschlagtuch hergetragen. Man konnte doch nicht wissen, ob die Hüllen nötig wären. Nun, eigentlich brauchten Sie es nicht gleich zu merken.«

Das war das letztemal, daß sie das fremde »Sie« gegen ihn gebrauchte; denn nun kam eine Stunde ohne Worte. Die war so leise – das Rohr hätten sie atmen hören können! Aber sie horchten nicht hin.

Auf einmal knirschte der Kies hinter ihnen. Da wurden ihre betörten Sinne steil. Dann strich etwas in die Schilfhalme hinein – aber das war schon einen kleinen Steinwurf weit weg von ihnen und war dort, wo das Rohr so dicht stand, daß man ein brennendes Licht hinter dem grünen Gewebe nicht gesehen hätte. Dann folgte ein leichter Sprung und ein langes heimliches Gleiten … Aber auch darüber fiel gleich wieder die dunkelblaue Stille.

»Du,« flüsterte Hanna, »meinst du, daß Rolf nächtlicherweile Gespenster suchen geht?«

Da stieg Woldemar auf die Bank, um gegen das Haus zu schauen, und sagte: »Das Licht im Saal ist ausgetan.« Dann wollten sie von neuem in ihre liebe purpurne Finsternis versinken. Aber es kam nicht mehr zu einem tiefen Untergange; denn der Gedanke an den nächtlichen Wanderer drängte sich zwischen sie. Da brachen sie auf. Und als sie über das Riff gingen, sahen sie einen leuchtenden Kahn über die Sterne ziehen, die im Fjord lagen, der wurde von zwei leisen Rudern getrieben. Aber es war kein Fährmann im Boot.

Es war unheimlich. Da blieb den beiden der Atem stehen, und sie legten sich der Länge nach auf den Stein und lugten aus. So blieben sie, und das Gespensterschiff zog her und hin …