Er hatte mitten in die Sonne getroffen. Es wurde nach jenem Tage nicht mehr recht hell in Haus und Herzen. Auch Nane Thord hatte ihre Sorgen; denn sie fühlte: die leiseren Stimmen um sie her hatten ein Geheimnis. Die Wanderfreude von einst war nicht mehr da. Jockele arbeitete über Tag in seinem Zimmer, Do und Hanna saßen im Saal und nähten, Gwendolin war ganz gegen ihre Art versonnen. Und wenn sie sich einmal alle zusammenfanden, dann mußte Nane Thord an die Schwalben denken, die sich sammeln, um zu plaudern von dem großen Fluge, der Sonne nach. Auch James King war traurig. Gerade in den letzten Tagen hatte er einen Weg zu Rolf Krake gesehen – es war durch das Gespensterboot gekommen, und weil er wußte, der Einsame aus der Sägemühle las in den Werken der Inder; vielleicht neigte er zu allerlei Geheimwissenschaft und Spiritismus! Das alles lag auch im Wesen des blonden Briten. Aber vorsichtig, wie er mit sich selber war, hatte er es vor den anderen verborgen. Von der Tat Rolfs ahnte James auch jetzt nichts. Aber das mußten sie ihm doch bekennen, daß sie dachten, der unglückliche Freund wäre im Skjold ertrunken. Eine Stunde danach hatten sie die Gewißheit: dies wäre nicht der Fall; denn Lona Steensgard hätte ihn gesehen auf der Wanderung ins Gebirge. Dadurch wurde der Vorgang vom Skjold noch finsterer. Und auch trostreicher wurde er nicht.

In jenen Tagen trat Kordula Gunkel in den kleinen Kreis. Sie war dunkel wie ihr Name; und auch ihre Stimme klang, als hätte sie an diesem Namen abgefärbt. Sie liebte die dunklen Farben in ihrer Kleidung und war am frohesten in Schwarz, das sie mit halbverdeckten gelben oder blauen Seidenbändern durchbrach. Fräulein Gunkel trug das Haar kurzgeschnitten. Sie hatte lange, schmale, sehr weiße Hände, mit denen sie sich die Locken lässig aus der Stirn zu streichen pflegte. Dann konnte sie aussehen wie eine Heilige aus der Legende.

Aber eine Heilige war sie eigentlich nicht.

Sie bezog das Zimmer auf Krokengaard, in dem John Williams gewohnt hatte, malte und komponierte Lieder zur Laute. Wenn ihre weiche Frauenstimme in Dämmerungen tief und dunkel durch den Krakesaal klang – o ja, das war schön!

Und so war es kein Zufall, daß sie über Sommer in einem Waldhaus am düsteren Songefjord gewohnt hatte. Es war auch kein Zufall, daß sie nun hier war: Gwendolin kannte sie aus Weimar, wo Kordula Gunkel damals an der Musikschule studiert hatte. Auch Jockele erinnerte sich ihrer sehr wohl; aber sie hatte ihn damals besser gekannt als er sie, und sie hatte zu denen gehört, die die »Erziehung zum Manne«, welche Do dem Zigeuner Jockele angedeihen ließ, sonderbar fanden. Sie kannte diese Geschichte nur vom Hörensagen. Nun gehörte das Jockelebuch zu ihrer Reiseausrüstung – denn eine Heilige war sie eigentlich nicht. Sie wollte die Gelegenheit nicht zum zweiten Male versäumen, die berühmte Do kennen zu lernen, die sich das Glück ihres Lebens baute nach ihrem Gefallen. Aber das Licht dieser Frau Do brannte nun unter dem Schleier einer sanften Trauer; und die Märzenklarheit ihrer Augen leuchtete um kleine Wäsche.

Kordula Gunkel hatte sich das anders gedacht.

»Du bist zu spät gekommen,« sagte Gwendolin.

»Ich komme stets zu spät – es scheint eine meiner Eigenarten zu sein,« sagte Kordula. Sie wollte den Winter über in Rom leben oder auch für immer. Aber Pläne für weithinaus machte sie nicht. Vielleicht war an diesem Einfall Henrik Tofte schuld; denn Gwendolin redete mehr von ihm, als ihr lieb war. »Tofte und ich, wir mögen uns gern leiden, aber wir sind nicht füreinander geboren. Nein, nein. Mit dem gleichen Rechte könnte man behaupten, du und das große Licht paßten zueinander.«

»Man kann das nie wissen,« sagte Kordula. Sie war so gemessen in ihren Bewegungen und von so stilvoller Ruhe in ihrem Auftreten, aber ihre Wirkung auf Gwendolin war ganz anders: Gwendolin wurde manchmal heimlich lustig vor ihr. Doch ließ sie sich das nicht anmerken, auch nicht nach dem deutsamen: »Man kann das nie wissen«. Sie wurde darüber so vergnügt, daß sie nicht übel Lust hatte, mit Kordula an den Tiber zu reisen. Aber – dann wäre die Posse ja gar nicht zur Aufführung gelangt! Nun, vielleicht ging es so: wenn man dem Henrik den Aufenthalt Gwendolins in Rom verschwiege, bis der Vorhang über dem Spiel zwischen ihm und Kordula gefallen war?

Gwendolin verwarf auch diesen Gedanken; denn eigentlich war er eine Nichtswürdigkeit gegen die dunkle Kordula, und am Ende: man konnte doch vielleicht nicht wissen … Im Falle Tofte geriet ihr felsenfestes Vertrauen zu sich selber immer ins Wanken. »Ach, Unsinn,« sagte sie und lachte, »was will ich denn in Rom, was will ich in Italien? Sie haben ja keine Luft dort! Sie haben bloß Äther. Es steht da jede Mauer und jeder Baum so hart darin, daß man sich die Augen wund daran stößt. Nein, ich kann in Italien nicht malen.«