Während Gwendolin den Steig hinabeilte und hinüberruderte nach der Insel, fragte er: »Wo ist Rolf?«
»Wir haben ihn nicht gesehen. Hat er dich geschossen?«
Er nickte und schloß die Augen vor dem tiefen Schmerz, der über sein Gesicht fiel.
»Großer Gott, wie hat denn das geschehen können?« sagte Hanna. Do winkte ihr, daß sie alles Geschrei vermiede, legte sich den Finger auf den Mund und gab ihr ein Zeichen. Dann kam Gwendolin mit dem Sekt, und er trank ein Glas in der Gier eines Verdürstenden. Sie gaben ihm noch mehr, und danach verlangte er seinen Rock. Sie führten ihn zum Strand und kamen zur Insel.
Nicht Nane Thord erfuhr von diesen Dingen und nicht James King; der war an diesem Tag malen gegangen. Sie aber wuschen Woldemars Wunden und verbanden sie aus ihren Reiseapotheken. Es waren Fleischwunden, die eine im rechten Unterarm, die andere im linken, oben nahe dem Schultergelenk. Danach lag er und schlief bis gegen Abend. Jockele aber war inzwischen in der Mühle gewesen und hatte nach Rolf Krake gesehen und sein Zimmer unverschlossen gefunden. Da sperrt er die Tür zu und steckte den Schlüssel zu sich.
Auch am Abend blieben sie im Saal unter sich, sie hatten James gebeten, sie dies eine Mal allein zu lassen. Do aber war nun auch in der Mühle gewesen und hatte über Rolf Krake nichts erfahren. Da ging sie in sein Zimmer; denn er hatte ihr in allen Stücken vertraut und viel mehr als sich selber. Auf dem Tische fand sie sein Tagebuch, das war bis zu dem Augenblicke geführt, in dem er von hinnen gegangen war. Den letzten Abschnitt las sie:
»Liebe liebste Frau Do – wenn Sie mich suchen: ich bin die Straße gegangen, die tausend Jahre lang ist und noch viel länger. Darum werden Sie mich nie finden. Aber denken Sie einmal an mich, wenn im nächsten Jahre der Wildrosenbusch wieder so schön blüht … wenn Seelen wandern, dann will ich Ihre Güte und Ihr liebes helles Licht umhauchen als der Duft von wilden Rosen. Aber auch wenn dieser Glaube närrisch ist, wie alles, was ich im Leben tat und träumte, und wenn im ewigen Wechsel des Stoffes die Lösung des Rätsels von der Unsterblichkeit liegt – kehren Sie im blühenden Sommer einmal zurück zu dem Rosenstrauch am Skjoldefoß! Denn wenn er mit seinen Wurzeln aus dem Quell trinkt, der die Straße der tausend Jahre umspült, dann trinkt er einen Tropfen meines närrischen Lebens, und es wird ein Wildrosenduft daraus. Darum: denken Sie an mich, wenn Sie wilde Rosen sehen, Sie liebste Frau!
Geschrieben in dieser Stunde, da ich auf den Weg trat, der tausend Jahre lang ist.
Rolf Krake.«
»Was er nur mit dem Wege der tausend Jahre meint?« dachte Do. Sie nahm das Buch und verschloß die Tür. Als sie ein Stück den Hügel hinabgegangen war, blieb sie stehen und blickte hinüber nach dem Rosenstrauch; der klemmte in einem Felsenspalt, nahe dem Fall. Es wuchs graue Flechte an seinem alten Holz, und es war ein borstiges und rauhes Ding. Aber in jedem Jahr trieb er noch Schosse zu seiner Verjüngung, und so konnte er an diesem feuchten Standort schon älter geworden sein als Nane Thord und konnte seine Wurzeln wohl so tief in den steinichten Grund getrieben haben, daß sie aus dem Kessel der brodelnden Wasser tranken. »Rolf Krake hat sich in das wilde Bergwasser gestürzt,« sagte sie, und das Herz erschauerte ihr. Dann ruderte sie zur Insel. Aber in der sinkenden Nacht fuhr Jockele mit zwei Booten an den Strand und machte das eine dort fest und legte auch die Ruder hinein – für Rolf Krake, wenn er in der Nacht käme und den Schlüssel haben wollte. Dort lag das Boot drei Wochen. Sie ließen in diesen drei Wochen alle Nacht ein Licht im Blockhaus auf der Insel brennen, bis in den Tag. Aber Rolf Krake sah es nicht, und er gebrauchte auch das Boot nicht.