Danach sah ihn niemand mehr, der ihn kannte. –

»Nein,« sagte Hanna, »das finde ich doch unerhört! Woldemar hat versprochen, in einer halben Stunde wär' er da!«

Gwendolin rieb sich die Hände. »Die unglückliche Ehe ist schon in vollem Gange.«

Da zog Hanna die Do unter den Wiesenblumen hervor, zerträllerte ihr Unglück und sagte: »Na warte!« Das galt ihrem Liebsten; denn sie steuerte nun nach der Mühle und wollte Rechenschaft von ihm fordern.

»Ah, das Spiel schau' ich mir an,« lachte Gwendolin und lief hinterdrein.

In der Sägemühle fanden sie die Brüder nicht. Ein Arbeiter, der auf dem Holzplatz war, hatte den Dr. Krake vor gar nicht langer Zeit den schmalen Steig zum Fall schreiten sehen. Man konnte diesen Steig von der Mühle aus aber nur eine kleine Strecke weit überschauen, dann kroch er hinter Felsblöcke. Also gingen Do, Hanna und Gwendolin hinüber zum Skjold, und als sie durch den Spalt im Vorhang traten, lehnte Woldemar Krake dort sitzend gegen die nasse Bergwand und hatte das Gesicht so tief vornübergesenkt, daß ihm der Hut vom Kopfe gefallen war und auf seinen Knien lag. Die rechte Hand ruhte flach auf dem Moos und war wie ein welkes Laub, und es war Blut daran, das aus dem Rockärmel sickerte.

Zuerst standen sie mit ihrem Schreck nebeneinander wie Erscheinungen; denn sie schrien sich an und hörten sich doch nicht und warfen die Arme. Hanna nahm Woldemars Kopf in ihre Hände. Dann faßte ihn Do unter den Armen und Gwendolin an den Füßen, und sie trugen ihn hinaus an den Rasenrand in die Sonne. Nach einer Zeit erwachte er und lächelte, weil er die Freundinnen sah. Er hielt Gwendolin am Rocksaum fest und Hanna an der Hand und sagte: »Geh du auch nicht fort, liebe Do.« Seit dieser wilden Stunde nannten sie sich alle du. Aber er schloß die Augen gleich wieder. Da zogen sie ihm den Rock aus; denn sie sahen die Schußöffnungen in den Ärmeln. Darüber erwachte er abermals und merkte, daß Do noch hinter ihm stand und daß er an ihren Knien lehnte. »Sollen wir denn nicht Hilfe holen?« fragte Gwendolin.

»Nein, es ist schon vorbei.«

Da ließen sie ihn wieder auf den Rücken in das Mittagsgras gleiten; denn sie merkten, wie ihm die Sonne wohltat. »Es ist gut, daß wir an diesem Platze sind,« sagte er, »es kommt hierher oft tagelang kein Mensch. Gwendolin, möchtest du mir nicht ein Glas Sekt holen oder Kognak? Aber du mußt niemandem ein Wort sagen, wie es mit mir steht, hörst du?«