»Na ja,« warf Gwendolin ein, »ich sehe Jockele doch noch als Dichter! Ich kann mir gar nicht denken, daß die trockene Wissenschaft ihn zeit seines Lebens fesselt.«

»Vielleicht habilitiert er sich einmal in Jena,« sagte Do.

»Aber wenn er des Abends erzählt, dann höre ich doch immerfort den Dichter,« redete Gwendolin hartnäckig dagegen. »Ich glaube, wenn er seine Abhandlungen über die Flechten und über die lächerlichen Frösche geschrieben hat, wird er mal halb wachend, halb träumend zu einem Romane kommen, etwa mit dem Romfahrer Henrik Tofte als Helden oder mit Rolf Krake, der Zauberburg. Über die Flechten und Frösche wird er sich noch zu den Menschen finden …«

»Jockele auf Seelenwanderung!« sagte Hanna. Sie setzten sich in den blühenden Rasen und plauderten sich in Ausblicke und Einblicke. Sie hörten in ihrem Sonnenwinkel an der Hügellehne den Skjoldefoß rauschen und ahnten sich tief ins Leben. Aber das Entsetzliche, was sich in diesen Minuten am Fall ereignete, das ahnten sie nicht.

Zwischen dem Fels und dem schäumenden Vorhange der Wasser stand Rolf Krake auf der moosgrünen Steinplatte und schaute in den Gischt, der um seine Füße kochte. Er stand dort wie einer, der auf der Wanderung ist in den Sommermorgen. Vielleicht war er auch von den Bergen gekommen. Unter ihm quoll es aus Tiefen herauf und brüllte. Vor ihm brach es aus Höhen herab und schnob. Hinter ihm ragte der tropfende Fels und barst nicht, und doch donnerte der Bergstrom seit tausend Jahren seine Allmacht darüber hin. Vor ihm in der Luft hing die zischende Flut, hing zwischen ihm und der Welt, rückte die Welt weit, weit hinaus: wenn er seine Füße hob und jetzt schnurgeradeaus wanderte durch diesen kochheißen eiskalten Vorhang hindurch – die Welt war für ihn nicht zu erreichen, mochte er gleich tausend Jahre laufen! So weit weg war Rolf Krake von der Welt, und so fürchterlich hing die Einsamkeit um ihn. Er dachte: »Ich will den Weg, der tausend Jahre lang ist, jetzt wandern. Es wird mich von oben die Gewalt des Stromes fassen und in die Tiefe werfen. Und es wird mich das Brodeln der Tiefe greifen, wie der heulende Sturm ein Körnlein Sonnenstaub, und wird mich aus der brüllenden Finsternis heraufwirbeln und hinab, herauf und hinab. Hundert Schritte wird mein Herz mitrasen auf der Straße der tausend Jahre … liebes Herz, so töricht bist du schon all die Zeit her gewesen – ich will dir diesen letzten verrückten Wettlauf ersparen …«

Rolf Krake redete das ganz laut in die fürchterliche Einsamkeit und zog den Revolver aus der Tasche.

Da trat Woldemar Krake über den Steig von links in den hohen Dom, der aus Fels und Flut, aus Donner und blauem Lichte gebaut war. Woldemar Krake sah die Waffe in seines Bruders Hand, und er sah auch den weiten Weg in seinen Augen, den er vorhatte.

Rolf Krake aber kniff die Lippen in unsäglichem Hasse zusammen – die Felsplatte, auf der sie standen, war von Manneslänge und drei Fuß breit. Wie tief das Sterben war, das den Stein umbrandete, ermaß kein Menschenwitz. Und es gab kein Menschenwort, das den tosenden Schlag der Wasser überschrie – keine Frage, keine Bitte. Deshalb riß sich Woldemar Krake zusammen wie ein Tiger zum Sprung: es durfte kein Ringen geben auf dieser Spanne Gestein, sondern nur ein gewaltiges Umschließen mit Armen, in denen der Wille des anderen augenblicklich zerbrach …

Rolf Krake aber dachte: »Es ist doch kein Wahn, daß ich dich hasse! Wer hat mir das Leben vermauert von Kind an? Du! Wer hat mir den Traum der Liebe zerpflückt? Du! Wer hat mich vor der Welt und mir selbst zum Narren gemacht? Du! Und wer kommt jetzt und mengt sich auch in mein Sterben? Du! Du! Du – der du ich bist, ich!« Und er warf den Arm mit der Waffe hoch. Der gekrümmte Finger riß den Abzug durch. Kein Knall war zu hören. Kein Wölklein Rauch war zu sehen … Nach dem vierten Schuß schleuderte er die Handvoll mörderisches Eisen in den Schwall und sprang durch den Spalt des weißen Vorhangs hinaus. Durch diesen Spalt war der andere vor einer Minute hereingetreten …

Noch einen jähen Blick warf er zurück – das verhaßte Bild folgte ihm nicht. In einer Bergschrunde klomm er empor, in der im Frühling ein fußbreites Tauwasser über die Steinstufen sprang. Er rannte immerzu. Er zog sich an Krüppelkiefern empor. Er kam in eine sanfte Mulde zwischen den Wänden, da sah er Lona Steensgard, die Tochter der Fischerswitwe Bolette Steensgard. Sie stand dort in groben Schuhen und in ihrem schlechten Wollrock, brach Astholz und stapelte es in ihren Korb. Lona Steensgard lachte und sagte: »Sie können von hier aus gut wieder auf den Pfad kommen, Sie müssen nur immer ein bißchen links bleiben gegen den Skjold zu, dann sehen Sie alsbald den Bratthammer …«