Eine Heilige war Kordula nicht, ja, sie war so erfahren, daß sie merkte: diese gefühlvolle Rede hatte sich der listige James in der letzten Nacht auswendig gelernt. Sie hatte sogar an die Holzwand klopfen wollen zwischen ihren Zimmern drüben auf Krokengaard; denn James war bis weit über die Mitternacht auf ihrem Schlaf herumgestampft in seinen geräumigen Bergsteigstiefeln.
Nun braucht heimliches Erlernen einer solchen Rolle nicht auf eine Komödie der Liebe zu deuten – o nein! Und Kordula war ein Mädchen: sie trat also ihren Glauben, geliebt zu werden, niemals mutwillig darnieder. Aber vor der gleichmütigen Semmelblondheit, die neben ihr saß, konnte sie diesen Glauben nicht aufbringen. Deshalb lächelte sie – sie lächelte sogar ein bißchen impertinent, lächelte aus der Genugtuung, daß diesmal nicht sie es war, die zu spät kam. Übrigens war Gwendolin nicht ganz verschwiegen gewesen, hinsichtlich ihres Erlebnisses mit dem listigen James. Also nahm Kordula Gunkel einen Vorschuß auf ihre römische Liebe und sagte: »Es tut mir ehrlich leid, mein Herr – aber über mein Herz habe ich nicht mehr zu verfügen.«
»Schade,« sagte Mister James, »ich glaube, es wäre ein sehr netter Winter geworden.«
Damit waren die letzten Früchte des lieblichen Sommers im Fjord fallreif geworden. Oder: die Schwalben, die sich in der Mittagssonne vor der Südwand des Inselhauses versammelten, konnten nun die große Reise antreten. Nur Gwendolin erwog, ob sie vor den Frost der Julzeit hinstehen wollte, um der gefrorenen Welt in Filzstiefeln, Pelzen und Einsamkeit ihren flimmernden Zauber mit raschem Pinsel zu stehlen. Auch dachte sie, sie könnte sich in diesen stillen Wochen auf mancherlei Erkenntnisse ein wenig näher ansehen.
Zuerst entflogen Hanna und der Doktor Krake nach Bonn. Im letzten Augenblick schloß sich ihnen Kordula mit der Laute an. Sie gab ihnen bis Hamburg Geleite. Am anderen Tage reiste James King – schach und matt. Und als auch Do und Jockele ihre Koffer packten, die blonde Marit mit geröteten Augen half, und Nane Thord mit bitterem Munde sagte, nun könne sie sich ja schön mit Lars Thord unterhalten – da sang der Wind bei Gwendolin um alle Fenster ein Lied, das war sterbenstraurig. Und weil Jockele und Do so dicht beieinander standen, warf Gwendolin ihre Arme um beide und sagte: »Kinder, es geht nicht! Ich bin schon über manch gefährlich finsteren Steg geschritten, aber über diesen find' ich mich nicht hinweg. In eurem großen Haus am Horn werdet ihr ein Kämmerlein für mich finden. Oder ich will dicht daneben in dem Gartenhause wohnen, aus dem der Jockele den Flug in die Sonne getan hat … Kinder, laßt mich mit euch ziehen!«
Ja, es war Herbst geworden. Auf den Wassern des Fjords schwamm das Birkenlaub und war goldgelb. In der Schärenflur saßen die Nebelfrauen und spannen. Es war Herbst.
Am anderen Tage fuhren sie nach Kiel, von da nach Weimar. Dort hatten sie das schöne Haus am Horn Nummer 17 A gemietet, das in dem Garten mit den herrlichen alten Bäumen sieht. Sommer und Winter träumen ringsum traute Märchen, und die Wege sind von silbernem Sand. Dort war der Jockele vorbeigerannt und hatte sich die Krawatte geknüpft im Sturmschritt – damals, als er mit der schlanken Felidora im Puppenheim des Apfelgartens Geburtstag feierte und darüber ganz vergaß, daß er des Morgens um acht Uhr vor dem Herrn Professor Redslob die Einjährigenprüfung ablegen wollte … Jawohl, dort war er krawattenknüpfend vorbeigestürmt, und die Frau Stadtrat Meyer stand in ihrem Wintergarten und sah ihn vorüberflitzen und dachte, der Jockele hätte eine neue Methode erfunden, sich vom Leben zum Tode zu bringen; denn daß sich einer im Zweimeterschritt aufhängt, war ihr noch nicht vorgekommen. Nun, solche und ähnliche Dinge hatte der Jockele in seiner »Mädchenzeit« angestellt. Aber er brauchte sein Schuldbuch von damals nicht mit ängstlichen Augen zu durchblättern – es stand kein Posten darin, deswillen er die Nachbarschaft aus seinen Frühlingstagen hätte meiden müssen. Darum war es den Dreien nun auch so heimatlich und tiefbeglückt um die Herzen, als sie durch die Dämmerung des Septembertages im offenen Wagen ans Horn fuhren. Langsam, langsam mußten die Pferde treten. Das gelbe Maßholderlaub raschelte um die Hufe, das Ilmwehr rauschte, die Leutra plätscherte unter der Sphinx hervor, hinter den Fenstern am Hange waren die Lichter angetan, und alle Häuslein guckten so lieb mit den hellen Augen zu ihnen herunter … »Na, Gott sei Dank, daß ihr endlich wieder im Lande seid!«
Am anderen Morgen stand der Herr Doktor Jakobus Sinsheimer schon im werdenden Licht am Fenster und schaute über die Wipfel des Weimarer Parks. Sein Glück konnte den Tag nicht erwarten. Er sah Goethes Gartenhaus durch die herbstlaubigen Hecken lugen – weiß Gott, dies ehrwürdige Stück Literaturgeschichte zwinkerte ihm vergnügt zu! Es kam ein Zug fröhlicher Gestalten klingelnd und doch traumhaft über Anger und Hecken, alle bunt angetan; und es guckten blanke Augen hinter jedem Baumstamm hervor. Alles, was ringsum war, kniff die Augen zusammen und lachte. Da riß der Doktor Sinsheimer die Fenster auf, das Wunder zu betrachten – und auf einmal war er wieder der Jockele. Der hob Doris Rinkhaus auf seine Arme und drehte sich mit ihr herum wie ein Kreisel und machte holdrio hoho … »Mensch, Mensch,« sagte die Do – denn es war noch ein bißchen morgenkühl um sie; aber innig festhalten an ihm mußte sie sich doch, sonst hätte er sie zum Fenster hinausgewirbelt – »Mensch, du bist ja lebensgefährlich, aber du bist doch nun etliche Jahre älter geworden!« …