Doch der Jockele hatte keine Zeit, darüber nachzudenken; denn als ihm die weiße Do entschlüpft war, wippte einer draußen am Gartenzaun entlang … Erich Meyer – mit y, aber nicht verwandt mit der Frau Stadtrat Meyer … Großer Gott, das war das einzige Erlebnis der Weimarer Tage, das dem Jockele durch ein Loch in seinem Gedächtnis gesickert war! Nicht im Traume war ihm Erich Meyer wieder eingefallen! Und nun war der der erste, der aus dem glückhaften Schiff leibhaftig an Jockeles neues Land stieg. Erich Meyer – wie war denn das damals gleich? Er nahm das Jockelebuch … Nein, Erich Meyer hatte sich nicht verändert: er wandelte mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und während diese Partie seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn nach hinten entschieden hatte, schwangen die langen stracken blonden Haare über dem Rockkragen von links nach rechts. Er war Musikstudierender gewesen, von durchschnittlichem Talente, und weil er dazu noch ein Herz von Gold besaß, so war seine Begabung auch nach der rein menschlichen Seite fast lebensgefährlich. Der blonde Erich hatte damals ein Stipendium von dreihundert Mark bekommen, deshalb erwog er die Frage, ob er nicht umsatteln und sich dem Bankfach widmen sollte … Nun, Finanzminister schien Erich Meyer inzwischen ja nicht geworden zu sein. Aber den lieben weltfremden Idealisten mußte man sich wieder einmal bei Licht betrachten!

Ach ja, was mußte man sich in diesen neuen Tagen in der alten Heimat nicht alles betrachten: die Häuschen im Apfelgarten; den Zaun, wo der Maler Jockele aus dem Tartarus den Berg der Seligkeiten gemacht und hernach mit dem Grabscheit zertrümmert hatte! Es war seine letzte Missetat in Farben gewesen. Man ging zu dem Kastanienstamm, in dessen Rinde die Namen Do und Jo in schlichter, aber unlösbarer Verschlingung geschnitten waren. Frühling nach Frühling hatte die tiefen Spuren der Klinge fast zugezogen. Jede Seite des bunten Lebensbuches von damals blätterten sie um. Aus jeder stieg's wie der Klang einer silbernen Trompete und schmetterte ihnen in die Herzen – Leben, o Leben! Liebe, o Liebe! Jugend, o Jugend! Welch ein herrlicher frohgemuter Kampf war das gewesen!

Es stand noch alles wie damals. Auch die alten Menschen standen noch. Die Dame mit den kraushaarigen grauen Hunden begegnete ihnen – vor Zeiten waren es drei gewesen, jetzt waren's vier. Sie schlug noch immer die grüne Stille tot mit ihrem brutalen Pfiff, und sie wogte noch immer die gemütvolle Baumstraße lang wie ein neapolitanischer Schiffer; aber ihre Strickmütze war blau. Nur eins war neu geworden: »Haus in der Sonne« stand in schwarzer Schrift an der weißen Gartenpforte. Oben auf dem First dieses Hauses in der Sonne war eine Leier. Vor der Tür stand ein kleiner Junge mit einer roten Zipfelmütze und präsentierte seine Holzflinte. Und es sang jemand zum Fenster heraus. Hoh! – Wegen der Leier und der dunklen Frauenstimme dachten sie an Kordula Gunkel, wie sie nun römische Schlendertage hielt und doch auf dem Kriegspfade war … Und das kleine Haus neben dem mit der Harfe stand wie damals auf den Zehen, lugte rechts über die hohe Gartenmauer und duckte sich nach vorn hinter grüne Hecken. Und die beiden glückseligen Menschen, die darin wohnten, saßen in ihrem Fichtenwinkel und pfiffen noch immer ganz leise auf die Welt. Das mußte doch sehr unterhaltsam sein!

Und richtig, auf dem Heimweg vor der Wildenbruchmauer wippte Erich Meyer den Pfad entlang! Wie er Jockele und die leuchtende Do und die gescheite Gwendolin erkannte, erging er sich in einer ehrfürchtigen Verbeugung und trat hinab auf den Fahrdamm. Er hatte – im Gegensatz zu seinen Nachbarn in dem kleinen Hause – ungeheueren Respekt vor der Welt.

»Ah, sieh da, lieber Meyer! Wie steht's mit dem Finanzminister?« rief Jockele und faßte ihn an beiden Händen.

»O,« sagte er, »es war ein Plan Hansens im Glück. Aufgegeben, verehrter Herr Doktor! Was muß man nicht alles aufgeben in diesem Leben!«

»Na, und was machen Sie sonst, lieber Herr Meyer?« fragte Do.

»Musik, gnädige Frau, ungeheuer viel Musik. Ich gebe Unterricht und wohne im Haus mit der Harfe – das spricht sich bequemer, eigentlich ist es ja wohl eine Leier.«

»Und die haben sie sich als Wahrzeichen dahinaufsetzen lassen?«