Großer Gott, wie klein ist deine Erde!

Henrik Tofte bekam durch das offene Fenster hinaus eine Ahnung der Ereignisse. Sollte der Herr, der sich ihm als Doktor Sinsheimer vorgestellt hatte, einer der vielen sein, die Gwendolin Vogelgesang einmal schön gefunden hatten? Und einer von denen, die sie hernach gehen hieß mit hochmütigem Munde – »ich kenne diesen Menschen nicht«?

Henrik Tofte, der ährenblonde Skalde, schritt zweimal ums Haus, um sich zu überzeugen, ob es dadrinnen einen Streit gäbe oder eine ausgelassene Freude. Er entschied sich für die Freude und kam herein. »Tofte, herrlicher Tofte, das ist doch der Jockele und seine Frau Do!« jubelte Gwendolin.

»Ach soo!« brummte der Maler. Dann vollbrachte er eine fast ehrfürchtige Verbeugung vor Do. Aber den Jockele nahm er in seine beiden Hände … »Herr, Herr –«

»So redet er sonst nur den lieben Gott an,« rief Gwendolin dazwischen.

»Herr, Herr, hätten Sie sich nicht mit einem falschen Namen eingeführt drunten am Inselrande, so hätt' ich Sie auf meinen Armen in dies Haus getragen. Ja, wenn Sie der Jockele sind, Sie Seligster unter den Menschen! Sie kennen wir hier besser als uns selber. Na, und nun können Sie ja mit Gwendolin und Ihrer blonden Frau wieder durch die Welt ziehen wie auf dem Umschlagbilde des Buches ›Jockele und die Mädchen‹. Ein gelbes Kleid und einen Wildrosenhut hat die lange Gwendolin nämlich wieder … Und jetzt, Mutter Thord, bringen Sie Sekt, viel Sekt! Hätten Sie heut morgen alten Käse gehabt statt Quark, so wäre mein Bild jetzt fertig, und Mister Johnny hätte mir eine Anzahlung gemacht, bis daß es trocken ist. Nun aber schreiben Sie den Sekt so lange auf.«

»Geld hat er nie,« erklärte Gwendolin. »Und doch verdient er schrecklich viel. Ich sag' euch: er kann malen …«

»Wie ein Gott!« unterbrach sie Do.

»Nein, er kann malen, daß man sich schämt, neben ihm einen Pinsel anzurühren. Geld hat er nie. Aber er ist der Schönste unter den Menschen.« Dabei wandte sich Gwendolin ab, aber nicht, weil sie rot wurde, sondern weil sie ihren Malkittel abstreifte und an den Haken hängte. »Kommen Sie, Tofte,« sagte sie dann und zog ihm den Linnenrock aus, »Sie gehen ja daher, als wären Sie von Stein.« Gwendolin hatte nun wirklich das gelbe Kleid an und sah aus, als liefe sie gerade aus dem Bilde vom Jockelebuch.

Marit, das Hausmädchen, hatte inzwischen das Smörgasbord hergerichtet; und Jockele und Do erfuhren, was es damit für eine Bewandtnis hatte. Dieser Vorspeisentisch stand an der anderen Schmalseite des Saales, der Feuerstelle gegenüber, und wies, sauber zugeschnitten, alle Herrlichkeiten auf, die Nane Thord an den Vormittagen drüben in der Welt erhandelte. Es standen Teller dabei. Jeder nahm sich so viel und wonach er Lust hatte.