Dieser Anbau hatte, wie das alte Haus, ein Rasendach, tief herabgezogen und auf geschälte Birkenrinde gelegt. Aber während der Rasen auf dem alten ganz von Moos und Flechten übersponnen war und nun in der Morgensonne leuchtete wie dunkles Gold, blühte das neue wie ein Frühlingsanger von Gänseblumen, blauem Gundermann, roten Taubnesseln und Schaumkraut. »Man kann von den Dächern dieser Blockhäuser die ganze norwegische Flora zusammenstellen,« sagte der Naturforscher Jockele.

Da sahen sie Nane Thord von der Sägemühle her wieder über das kurze Gras des Vorlands herabschreiten. Sie arbeitete mit dem freien Arm wie eine Windmühle mit ihren Flügeln; denn sie wollte sich den beiden bemerkbar machen. Also fuhren sie hinüber. Nane Thord ergriff Steuer und Segelleine. Und wie ein Renner, der sich wieder in sicheren Händen weiß, eilte das Fahrzeug nun über den Fjord.

Der Mann zwischen den Steinen kroch hervor und machte das Boot fest. Es war aber nicht Rolf Krake, sondern Henrik Tofte, der Maler, der auf seinen alten Käse gewartet hatte. »Nane Thord hat mir den Tag zerdonnert,« sagte er. »Wissen Sie, auf mich haben alte Käse die Wirkung wie auf Ihren Dichter Schiller die faulen Äpfel. Eigentlich wollte ich heute das Bild für Johnny fertigkriegen – es ist nämlich eine Sonnenstimmung aus dem frühen Tage … Nun bin ich den Vormittag über zu Stein geworden.« Dabei schob er einen halben Laib Brot aus der Hand Nane Thords in die Tasche seines Malkittels, nahm den Steinnapf mit dem Käse in Empfang und stieg wieder seinem vorigen Sitz in den Zacken entgegen.

»Man darf es mit Herrn Tofte nicht verderben,« sagte Nane Thord geheimnisvoll. »Er ist 'n Kerl wie 'n Eichbaum; er kann malen wie der liebe Gott. Aber wenn er wild wird, geht er nieder wie eine Lawine.«

»Ein bißchen viel auf einmal,« lachte Do. »Hat ihn eigentlich Fräulein von Fellner kennen gelernt?«

»Ah nein! Er ist doch erst mit den beiden Engländern James King und John Williams im August gekommen.«

Dann schritten sie vom Landeplatz den schmalen Steig zwischen Felsblöcken empor und traten in den neuen Teil des Blockhauses, den sie den Krakesaal nannten. Es war ein einziger großer Raum mit zwei Reihen niederer Fenster an den Längsseiten, mit weißen Vorhängen und mit Blumen auf den Brettern. An der rückwärtigen Schmalseite lag eine Feuerstelle. Ein Kupferkessel hing an einer Kette über glimmender Torfglut. In der Mitte stand ein bedeutender runder Tisch. Dunkle geräumige Stühle waren im Kreise darum geordnet. Und beim ersten Fenster, vor der Staffelei, stand eine Malerin, die strich in heftiger Versunkenheit die goldene Dämmernis aus ihrem Pinsel. Sie dachte wohl: es ist Henrik Tofte, der mit der Fischerfrau hereinkommt. Deshalb wandte sie sich nicht um. Aber als sie Nane Thords feiertägliche Sprache hörte, wagte sie einen Blick aus ihrer Lichtfreude. Und …

»Jockele! Do, goldene Do!«

»Gwendolin Vogelgesang!«

Es folgte ein ungeheurer Zusammensturz. Zuerst rissen sich Gwendolin und Jockele an die Herzen. Dann warf Do ihre Arme um beide. So jauchzten sie ihre Glückseligkeit von heißen Lippen und aus quellenden Augen übereinander dahin. »Gwendolin, du ewiges Licht, du Zauberin!« Und genau wie damals in der Stube der kleinen Wirtschaft im Webicht bei Weimar, als die lange Gwendolin dem Jockele die Bilder zum »Armen Heinrich« verkauft und ihm sein erstes selbstverdientes Geld in blauen Scheinen gebracht hatte – genau wie damals schossen diese ranken jungen Menschen durcheinander wie Waldbäume und verflochten sich mit Wurzeln und Ästen. Aber nun waren es ihrer drei. Und genau wie damals stand eine Wirtsfrau zwischen Tür und Angel, kriegte die Verklärung und schrieb unter das Bild in Lebensgröße »Ein Wiedersehen nach langen Jahren«. Aber nun hieß die Wirtsfrau Nane Thord.