Und sie berichtete, wie herrlich, groß und einsam die Welt dort wäre. Die Insel der Auferstehung sollte das erste Reiseziel des Doktors und seiner jungen Frau sein. Hannas beredter Mund hatte viel zu reizvoll von dem Fjord und den Sturmschwalben geplaudert. Dort im nordischen Sunde auf dem Sonneneiland flog Jugend aus vielen Ländern zusammen. Es gab keine gedruckten Vereinsgesetze, keinen Vorstand und keinen Kassierer, keinen Monatsbeitrag und keinerlei andere Verpflichtungen. Die Feste, der Ernst und der Frohmut, das Weilen und das Wandern waren dort Eingebungen des Augenblicks.

Im Hochzeitstag am Rheine tauchte das Bild der Insel der Auferstehung empor und ging unter in Tanz und Glück. Vor Mitternacht – aber lange nicht als die letzten – verschwanden auch Jockele und Do. Danach blieben sie einige Zeit verschollen. Das erste Lebenszeichen sandten sie aus dem Blockhaus am Fjordstrand, in dem sie ihre Koffer, ihre Daseinslust und ihre Neugier einstweilen verstaut hatten. Von Hanna wußten sie: ein Gasthaus gab es auf der kleinen Insel nicht. Auch nach ihrem Namen forschten sie bei den Fischern vergeblich. Selbst auf dem Dampfboote, das sie durch den Fjord trug, hatte kein Mensch eine Ahnung von dem Eilande der Auferstehung. Nur das Gehöft Krokengaard kannte man. Das lag drüben am Fjordufer über der Sägemühle. Das hatte ihnen Hanna als Ziel ihrer Fahrt genannt. Es schäumte nahe dabei in jähem Sturz ein Bergfluß über Schründe und Zacken und zerschlug sich zu einem Schleier von Staub.

Am anderen Morgen ergingen sich Do und Jockele am Strande vor dem Plätschern der schimmernden Wasser. Da glitt ein Boot mit einem braunen Segel herüber, und Nane Thord stieg heraus. Sie trug ein schwarzes Wollgewand und eine weiße Haube.

Auf Nane Thord mit den stillen grauen Augen hatten sie gewartet. Das war die Witwe des Fischers Lars Thord. Sie segelte bis tief in den Herbst hinein an jedem Morgen von der Insel herüber. Mit dem geräumigen Korb am Arm zog sie von Haus zu Haus. Auf Krokengaard erstand sie Eier und Butter, beim Krämer geräucherten und rohen Lachs, Anschovis, fetten Hering. Sie kaufte rote Rüben und Zwiebeln, Olivenöl, Essig und Pfeffer; Knäckebröd mit Anis gewürzt; Sillsalat aus mariniertem Hering; sie feilschte um Gammalost, den schärfsten alten Käse, für den der Maler Henrik Tofte seinen letzten Pfennig anlegte, und ließ sich die Flaschen füllen mit Pomerans und Finkelbränvin. Sie verstaute in ihrem Korb Brot aus feinem Mehl und Gänsebrust und Kaviar … Oh, dem »Smörgasbord« von Nane Thord konnte kein Mensch nachsagen, daß dieser kleine Vorspeisentisch nicht zu aller Zeit mit Umsicht und Liebe gerüstet stünde! Was ein Smörgasbord eigentlich wäre, wußten die beiden landfremden Hochzeitsmenschen noch gar nicht. Sie kamen sich bei ihrer Strandwanderung ein wenig entwurzelt und sehnsüchtig vor; denn sie waren an ihrem Reiseziel und waren es doch nicht. Sie hätten hinüberrufen können zu der Insel der Auferstehung, und dennoch lag die in dem dunkeln Wasser wie ein fernes, fernes Land. Es war, als müßten sie erst die Schneegefilde vom Folgefond, die sich vor ihnen in der Flut des Fjords spiegelten, überschreiten in langer, mühsamer Wanderung, um hinzugelangen. Aber als Nane Thords Boot gegen den Strand stieß, sprangen sie herzu wie Kinder, die ihre Mutter erwarten, und als wäre das Schifflein das Spielzeug, das sie ihnen mitgebracht hatte.

Nane Thord aber wunderte sich an der leuchtenden jungen Frau Do über die Maßen. »Es wachsen viele blonde und hohe Mädchen an diesem Strande,« sagte sie, »aber so hell ist keine von uns.« Do sah aus wie ein Maitag, der über die Zinnen der Berge blüht. Dann redeten sie von Hanna und fanden sich darüber gleich gutbekannt zueinander.

Während Nane Thord ihren Einkäufen nachging, blieben die beiden im Boot. Sie machten es los und glitten vor dem sachten Morgenwind uferhin. Es dauerte zwei Stunden. Da lernten sie das Boot wenden und die Leinwand in den Wind stellen. Sie wurden kecker und fuhren ein wenig hinaus.

Es hatte sich nämlich ein Mensch zwischen dem Gesteine der Insel halb aufgerichtet und schaute ihnen unverwandt zu. »Ich glaube, dieser steinerne Gast ist Rolf Krake,« sagte Do.

»Ach so – der Dichter, Träumer, Maler, Lautenschläger und Drechsler?« fragte Jockele. Sie kannten seinen Namen und seine wunderliche Art von Hanna. Die hatte ihnen sein Bild nicht ohne Teilnahme gezeichnet und hatte gesagt, Rolf Krake wäre die einzige der Sturmschwalben, die Nane Thord über den Winter hätte Gesellschaft leisten wollen. Das einsame Eiland gehörte ihr, und außer ihr wohnte niemand dort.

Von Rolf Krake stammte der Name der Insel und der Vereinigung. Von ihm rührte auch der Anbau aus Stämmen her, der dem kleinen Blockhause des Fischers Thord im vorigen Jahr angefügt worden war.