»O nein,« sagte er, »es ist fromm und freudig, ja, und es macht mich sehr glücklich.«
Dann wandten sie sich, und im Gehen sagte sie: »Ich habe recht gehabt: so kann nur Henrik Tofte malen und der liebe Gott. Laß das Bild dort stehen. Ich habe Richard und Salzer gebeten – sie kommen vormittags.«
Und als sie gekommen waren, standen sie alle um die Madonna in Rosen. Gwendolin hatte nun einen ruhevollen Rahmen in altgoldener Tönung darum gelegt. Und alle sahen: es war ohnegleichen. Ohnegleichen in seiner Lebensfülle. Ohnegleichen in den warmen Schwingungen der Farben. Kein Farbenrausch, der die atmende Schönheit der Natur erstickte. Ohnegleichen in der schmuckhaften Anordnung. »Ein kostbarer Edelstein,« sagte Richard Schaffrath aus einer tiefen Künstlerandacht heraus, »vom Lichte des Gottes durchtränkt – es ist ohnegleichen, ist ohnegleichen.«
Henrik Tofte löste sich hernach aus dem Ringe der Freunde und ging in sein Zimmer. Er dachte daran, daß die Zeit seiner Abreise nun nahe wäre.
Mit dem Lobe der Freunde war es, wie wenn ein Mann einen Becher füllt mit edelstem Weine, den er lange Jahre hindurch in seinem Keller aufbewahrt hat für einen Tag, der recht herrlich und königlich über alle seine Art hinauswächst. Und dies Lob dauerte auch genau so lange, wie jener Becher braucht, um einmal die Runde zu machen. Dann war es vorbei. Henrik Tofte hatte diese Menschen nicht zum ersten Male vor die Schätze geführt, die verschwenderisch in ihn geworfen waren. Man wußte: solches Verschwendertum ist eine Schöpferlaune. Aber es wiederholt sich darin die Geschichte vom Distelfinken, dem der liebe Gott aus jeder Farbschale den Rest auftupfte. Er verstaut an Gaben in einen einzigen, was in seiner Werkstatt herumliegt und ihm gerade in die Hände fällt. Und der Mensch, der also angefüllt ist, mag zuschauen, wie er damit fertig wird. »Ja, so ist der liebe Gott mit Henrik Tofte zu Werke gegangen,« sagte Gwendolin. »Es ist auch viel Sturm in ihn hineingepackt, und das große Licht blakt nun in diesem Sturme.« Jockele schupfte die Schultern: »Was wollt ihr? Es geht in dem reichsten Kopf und Herzen eine ganze Bibliothek von Dichtungen zu Grabe, die nie erschienen sind – hat ein Dichter gesagt – und selbst der liebe Gott kann nicht jedem Tag ein Gesicht geben: es hat eben nicht jeder eins.« – »Ja,« sagte Schaffrath, »so ist es wohl. Aber das sollt ihr wissen: ich habe vor keinem Bilde die Schauer der Allmacht empfunden wie vor diesem.« Sie sahen immer nach der Madonna hin, während sie so redeten. Und Gwendolin sagte: »Ich mag dir diesmal nicht zustimmen, Jo; denn ich weiß, Henrik Tofte hätte die Kraft, jedem Tag ein Gesicht zu geben, wenn er nur wollte!«
Da hatte sie einen schweren Stand und kam sich vor wie ein kleiner Vogel, der in einen Flug Falken geraten ist. Aber sie wehrte sich mit Frauenhartnäckigkeit und sagte: »Ihr werdet mich doch nicht unterkriegen mit euren scharfen Schnäbeln! Es wäre besser, ihr fragtet: was ist es, das dem Henrik hier in eurem Hause diese Gnade schenkte?«
»Ho,« sagte der kluge Professor Salzer, »jetzt kommen wir dem Geheimnis auf die Spur! Es ist der Segen der schönen Frau Do; es ist der Segen des Vorbilds, das er sich diesmal wählte …«
So rieten sie sich heiße Augen und Herzen. Sie errieten vieles, aber zum Kerne des Rätsels gelangten sie nicht; denn der Tag, der das letzte Licht brachte, war ein Tag tiefster Finsternis. Und dieser Tag war noch nicht gekommen.
Henrik Tofte kümmerte das alles nicht. Er kümmerte sich auch nicht um sich selber. Und er konnte nicht begreifen, daß die Menschen sich um ihn stritten. Heute hatte er Lust, in einem offenen Wagen hinauszufahren in die Wälder. Also rief er aus dem Fenster, ob sie dabei sein wollten. Und dann bestellte er für nach Tisch drei Wagen aus der Stadt. Die Madonna in Rosen schien über dem neuen Plan in ihm schon in ewiges Vergessen gesunken zu sein; Gwendolin mußte Sorge tragen, daß das Bild ins Haus kam und gefahrlos trocknete.
Daß Henrik von einer Sehnsucht nach der grünen Stille der Wälder und den sanften Farben der Erde in diesen späten Sommertagen geleitet wurde, daran dachte er nicht. Er »beschloß« die Fahrt – das war seine Erklärung. Die stillen Stimmen, die sie ihm geboten, vernahm er nicht. Das waren in diesem Falle seine Augen. Und in diesen hellen Brunnen, die das Wunder des Lichts auf all seinen Glanz und seine Geheimnisse durchspürten, lag zuletzt das Rätsel begriffen, das Henrik Tofte hieß. Aber er wußte es nicht. Niemand wußte es. Deshalb hatte er zu Frau Do gelacht über das Spinnengewebe, das in diese Augen fiele.