Nun hatte er vier Wochen gemalt – durch dreißig Jahre hatte er sich nicht zu einem solchen Aufgebot an Kraft zwingen können. Er hatte vier Wochen gemalt, und nun sahen seine Augen die Welt wie die Augen eines Kindes, das fürwitzig ins Gesicht der Sonne geschaut hat: es hing für sie ein leiser grauer Schleier um alle Dinge. Der war unendlich fein, aber er war da. Und Henrik Tofte wußte es nicht; denn so war es für ihn gewesen, solange er denken konnte. Es war eine Selbstverständlichkeit – wie es für die Sterne eine Selbstverständlichkeit ist, daß sie nicht in ihrem Glanze sind, wenn sie der Himmel nicht mehr braucht.

Einmal im Hardangerfjord, ein einziges Mal, hatte er daran gerührt. Das war, als ihm Gwendolin vorwarf: »Faulheit bei einem gewöhnlichen Menschen ist ein Laster – aber bei Ihnen, Tofte, ist sie eine Gotteslästerung.«

Da hatte er gesagt: »Diese Faulheit liegt in meinen Augen – nur wenn ich alle Wunder mit ihnen erringe, die im Lichte sind, dann will ich malen. Ihr anderen, die ihr blind geboren seid, mögt das halten, wie ihr wollt. Mir sind die Augen an manchem Tag ausgegangen – je nun: die Sonne geht dem lieben Gott ja auch mal für ein paar Wochen aus!« Da sagte Gwendolin: »Mit so schönen Worten deckt Henrik Tofte seine Faulheit zu.« Weiter fiel dem feinhörigen Mädchen dabei nichts ein.

Nach Mittag fuhren sie in die Welt. Auch Kordula und Erich Meyer waren dabei, und es war noch Platz in jedem Wagen für ihre Freude. Jockele, Do und Tofte saßen zusammen. In allen drei Wagen sprach man von Henrik oder von der Madonna. Das Bild war ein Erlebnis. Aber im vorderen, in dem Henrik saß, redete man auch von seiner Abreise und von seiner Wiederkehr; die eine sollte morgen geschehen, die andere in ein oder zwei Jahren. So fuhren sie durch die Ettersburger Wälder und am Abend über Tiefurt heim. Für Gwendolin und Schaffrath gab es an diesem Tage noch andere wichtige Dinge zu reden; denn übermorgen hatten sie Hochzeit. Es war gar nicht zu verkennen: Tofte wollte diesem Tag ausweichen. Gwendolin fand das seltsam, die anderen nicht. Aber er hatte es so eilig, daß ihm Do die Sorge um die Madonna abnahm – sie wollte dafür tun, daß sie in Rolf Krakes Hände käme, wenn die Zeit da war.

Am anderen Tage schied Henrik aus dem Haus am Horn und ging wieder nach München. Er mietete sich ein Atelier in Altschwabing – das gab eine Aufregung unter den Malern, die er kannte. Mister Johnny, der nun wieder sein Nachbar war, hatte die Giraffe vollendet. »Ein dusterer Einfall,« sagte Tofte.

»Noch dusterer scheint mir Ihr Vorhaben,« lachte Johnny, »wozu in aller Welt brauchen Sie einen Malraum?«

»Arbeiten will ich.«

»Haben Sie das in Weimar gelernt? Und ist aus dem Bild etwas geworden?«

»In ein paar Jahren will ich es mir darauf ansehen. Bis dahin hab' ich zu tun – es ist die höchste Zeit.«

Mister Johnny wunderte sich selten; aber Tofte sprach diesmal so, als gäb' es kein Ausweichen vor sich selber. Zu anderen Zeiten hätte das anders geklungen. »Ich modelliere jetzt einen Löwen,« sagte Johnny. Dann führte er Henrik hinaus in den Garten. Dort stand ein Käfig, wie ihn die Leute aus den Tierbuden von Jahrmarkt zu Jahrmarkt senden, und ein leibhaftiger Löwe saß darin … Nun ja, auch Mister Johnny hatte seinen sanften Sparren. »Ich habe ihn von einem Menageriebesitzer gemietet bis zum Oktoberfest,« sagte er. »Und gleich morgen wollen Sie anfangen zu arbeiten? Ach, kommen Sie doch heute mit mir nach Dachau! Morgen mittag sind wir wieder daheim, und Sie haben bis zum Abend noch Zeit zur Übersiedlung.«