Max.
Frioul II.
Der Stationsarzt in Frioul war der Médecin-Major Gros, ein Herr, welcher der schweren Situation gewachsen war, wie vor ihm und nach ihm kein anderer. Unter ihm stand noch, durchaus minderwertig, Herr Dr. Michel als Assistenzarzt. Von deutschen Aerzten waren auf der Insel: Sanitätsrat Dr. Spindler (Elsaß), Dr. Berger (Els.), Dr. Vösselmann (Els.), Dr. Heller (Oesterreicher) und ich, von Gefangenen 1200–1300 Männer, etwa 250 Frauen und ebensoviel Kinder. Eine Lösung der ärztlichen Frage mußte also gefunden werden.
Die Frauen und Kinder lebten von uns etwa zwanzig Minuten entfernt in einem Kasernement auf einer Anhöhe der Insel. Es war schon des öfteren gemunkelt worden, daß Dr. Gros die Baracken an einem Vorsprung der Insel instand setzen ließe und beabsichtige, die Arbeit unter französische und deutsche Aerzte zu teilen. Das wurde mit großer Freude von uns begrüßt; aber wenn wir auch die Botschaft hörten, der Glaube fehlte uns. Eines Tages, es war am 5. Oktober, wir hatten gerade wieder einen der lächerlichen Aufzüge neuer Kriegsgefangener bewundert (Männer, die leere Kinderwagen vor sich herschoben), kam an uns die Aufforderung vom Médecin-Major, wir möchten uns zu einer Besprechung einfinden, und zwar am nächsten Tage bei den Baracken. Dort empfing uns zur festgesetzten Stunde Dr. Michel, völlig kollegial, er hatte sogar seine Freude daran, uns mit einigen Ferngläsern zu zeigen, wie gerade ein deutsches Handelsschiff von einem Torpedo eingebracht wurde, und knüpfte daran etwa die sinnbildliche Betrachtung vom Untergange des heiligen deutschen Reiches. Derlei waren wir gewohnt. Wichtiger war es uns, daß er uns die Baracken zeigte, die zwar noch nicht ganz fertig, aber doch schon etwa bewohnbar waren, sagte, daß Dr. Gros eine Teilung beabsichtige, etwa so: einer von uns solle die innere Station, ein anderer die äußere, ein dritter den Revierdienst und endlich der vierte die Frauenstation übernehmen. In der letzteren sei die Kenntnis der französischen Sprache notwendig. Herr Dr. Gros behielt sich das Hospital, welches neben unserem Schuppen lag, und in welchem die beiden Kinder gestorben waren, sowie die Aufsicht über die anderen Stationen vor, da er die Verantwortung für das Ganze trage. Wir möchten uns alles überlegen und am nächsten Mittag mit Dr. Gros alles selber besprechen. So schieden wir in recht gehobener Stimmung. Ein laisser-passer für die Insel wurde uns sogleich ausgestellt, auch die Erlaubnis, im Kasino zu essen und jederzeit zu verkehren. Ebenso wurde uns vier Aerzten, außer Sanitätsrat Dr. Spindler, der als Kranker im Hospital lag und somit von der offiziellen Behandlung ausschied, in den Baracken je ein kleines Zimmer mit Bett — Gedanke voller Majestät! — zugewiesen.
Wir vereinigten uns mit unserer neuen Erlaubnis in der Kantine und schwelgten einmal in recht gutem Essen mit Bier und Wein, froh, daß wir endlich in unserem Beruf angestellt waren.
Inzwischen übernahmen wir provisorisch die einzelnen Schuppen. Am Abend schickte Dr. Gros reichliche Mengen Lymphe, und ich impfte mit Dr. Spindler in zwei Tagen mehr als 1000 Mann gegen die Pocken. Gegen Typhus wurde im Lager nicht geimpft, wenngleich die ersten verdächtigen Fälle schon zu verzeichnen waren. Am nächsten Tage bestimmte Dr. Gros für die äußere Station Dr. Heller, für die innere Station Dr. Vösselmann, mich für den Außendienst, und Dr. Berger, der perfekt Französisch sprach, für die Frauenstation.
So froh wir waren, eine Enttäuschung war es doch für mich, von der Frauenstation versprach ich mir den besten Erfolg, denn was mir von da berichtet war, erschien mir recht trostlos.
Frioul, 10. 10., abends 9½ Uhr.