Liebste Armgard!

Nun hat sich wieder alles so eigenartig verändert, der Ekel und Widerwille ist gemildert. Eben verläßt mich Herr Geißler, der zugleich mit Herrn Schülke uns als Krankenpfleger zugeteilt ist, und der Kollege Berger. Sie gehen aus „meinem Zimmer“, einer Bude von 3 mal 2½ Meter, aber es ist doch mein Zimmer, und ich habe es mir blutsauer verdient. Ich bin also doch ausgezogen aus dem Stall, in dem wir auf Steinfußboden, immer zwei zu zwei auf einer Matratze nebeneinander, eingepfercht zwischen anständigen Menschen und einem widerlichen Gesindel, der Kälte, dem Winde, dem Ungeziefer, Krankheit und Tod preisgegeben waren. Ich sitze vor Deinem Kleiderkorb, der mir als Tisch dient, auf meinem Koffer und schreibe Dir. Eine Stearinkerze, die ich mir für 15 Cts. gekauft, erleuchtet festlich mein Zimmer. Eine Flasche Wein steht vor mir, und ich rauche eine gute Pfeife. Ja, liebe Alte, man kann mit wenigem nicht nur zufrieden sein, sondern sich sogar mehr daran freuen, als man sich an vielem je freute. Mein Bett hat eine Matratze aus Stroh, aber sie erscheint mir köstlicher als die beste Sprungfedermatratze, und das eiserne Bettgestell kommt mir luxuriös vor, denn es ist ein wirkliches Bettgestell, das vermutlich nicht einmal Wanzen birgt; doch ich will nicht unbescheiden sein, das werden die nächsten Nächte schon lehren. Die paar Flöhe in Decke und Stroh sollen meine gute Laune nicht trüben. Heute war der große Umzug in die Baracken, die so schlecht gebaut sind, daß ein Sturm sie aufheben kann. Ich habe mein Zimmer mit einigen Arbeitern wieder zurechtgezimmert, und nun steht es gerade. Vielleicht hält die Bude, solange ich halte. Wir sind also, um mich großsprecherisch auszudrücken, menschlich untergebracht.

Aber das gilt leider nur von uns vier Aerzten, den Krankenpflegern und den Kranken. Die anderen, auch Moritz, Bonitz, Schmidt, Dr. Bayer und die übrigen Geistlichen und verwöhnten Herren hausen da in dem Stalle weiter, wo der Regen nachts auf ihr Strohlager träufelt, und verzweifeln. Die Krankheiten mehren sich, und es heißt, man habe in Marseille beschlossen, das Gefangenenlager Frioul als solches zu räumen. Daran knüpfen sich wieder vage Hoffnungen, deren Endziel ist: „Nach Hause“. Seit ich wieder eine geordnete Tätigkeit habe, kann ich viel ruhigeren Blutes alle solchen Gerüchte aufnehmen. Vielleicht ist, hier im Lager viel zu leisten und die Aufgabe dankbar.

Aus unserer Insel sind zugleich — natürlich getrennt von uns — die gefangenen Frauen und Kinder untergebracht. Ich habe bisher einige von ihnen bei der Beerdigung des Lützererschen Kindes gesehen, und Frau Lützerer, deren Mann gleichfalls an schwerer Dysenterie im Hospital liegt, sehe ich täglich am Krankenlager. Es steht nicht gut mit ihm. — Einige von den Frauen haben ihre Männer hier im Lager, welche sie von Zeit zu Zeit besuchen dürfen. Sie berichten recht Trauriges, wenn sie auch wenig Einblick in das Lager haben können. Es war mein Wunsch gewesen, diese Station zu bekommen. Der Médecin-Major, welcher die Einteilung vornahm, wählte dafür Dr. Berger, weil er fertig Französisch spricht und ich nicht. Zu meiner großen Freude hat er das heute widerrufen und mir die Station gegeben. Er bat mich, morgen auf der Station den ersten Besuch zu machen und gab mir ein Schreiben an den maréchal des quartiers mit, des Inhalts, der maréchal möchte mich auf der Station einführen und der französischsprechenden Krankenpflegerin, Mme. Vogl, vorstellen, ich würde dann noch nach eigener Wahl eine deutschsprechende Dame beauftragen, zugleich mit Mme. Vogl unter meiner Leitung die Krankenpflege zu übernehmen. So, liebste Armgard, nun will ich auch den äußeren Menschen wandeln. Ich rasiere mich und trage den häßlichen Vollbart ab, der Dir immer so besonders mißfiel, dann packe ich die Koffer aus und lege mir neue gestärkte Wäsche zurecht, um alles abzulegen, was an unser Sträflingtum erinnert. Ich habe ja nun eine relative Freiheit gewonnen und darf mich auf der ganzen Insel, wann und wo und wie ich will, bewegen. Morgen schreibe ich weiter. Gute Nacht!

Sonntag, den 11. 10., abends 11 Uhr! Kollege Berger nahm eben einen Abendschoppen bei mir. Wir werden unsolide. Mein neues Zimmer wird täglich einladender. Eine Kiste gibt eine Art Waschtisch, eine andere größere einen pompösen Schreibtisch. Als Stuhl dient mir die Bettkante, und Besucher setzen sich entweder auf die Bettkante oder nehmen je nach Gefallen auf dem Waschtische oder dem Schreibtische Platz. Die Franzosen fangen an, uns ernstlich zu verwöhnen. Es war ein eigenartiger Tag heute. Wie gesagt, meine Toilette machte ich wie in alten Tagen, um den traurigen Menschen der letzten Zeit abzustreifen und hatte etwa zwei Stunden dazu nötig, was sonst nicht mein Fall ist. Dann war es acht Uhr geworden, und ich machte mich auf. Ich schreite gleich hinter den Baracken auf den Bergweg und genieße einen wunderbaren Morgenspaziergang. In Bergwindungen und Buchten führt der Weg, der die schöne Aussicht auf das Meer, Marseille und die anderen Inseln freigibt, bis herauf zur Bergeshöhe, einem eigenartigen, kasernenartigen Gebäudekomplex, der die gefangenen Frauen und Kinder einschließt. Es war ein Spaziergang von etwa zwanzig Minuten, der mich wunderbar zu neuer Tätigkeit stärkte.

Oben auf der Station angelangt, ließ ich mir den maréchal rufen und gab ihm den Brief des Majors. Er stellte mich der Mme. Vogl vor, einer hübschen Französin, Gattin eines Deutschen in Paris, welcher mit uns das Gefangenenlager teilte. Sie hatte bisher die Krankenpflege allein geleistet. Dann wählte ich mir als deutsche Pflegerin Frl. Schnell, urdeutsch, eine Dame, welche zu unseliger Zeit ihren Bruder in Paris besucht hatte und nun diesen Wagemut mit Gefängnis büßte. Sie wohnte oben mit der Frau Schnell, und der Bruder teilte unser Lager. Sie nahm sich mit großem Geschick der Pflege an, und Arbeit gab es in Hülle und Fülle.

Ich machte meinen ersten Besuch durch die verschiedenen Räume. Es waren ungefähr 250 Frauen und ebensoviel Kinder dort. Und in welcher Ordnung und in welchem Zustande?!

Da waren zuerst die Damen, welche, soweit das möglich war, sich etwas abgesondert hatten, dann Frauen aus dem Volke, fast alle Elsässerinnen, endlich Weiber verschiedenen Ranges, verschiedenen Alters und verschiedenen Wertes. Dieses Durcheinander! Ich habe anständige Mädchen und Frauen zusammen in einem Zimmer mit Freudenmädchen interniert gesehen, und versucht, da zu helfen; andere, Gesunde, mit Krätzekranken, die später auch infiziert wurden. Ich sah in einem Zimmer eine Mutter (Elsässerin) mit acht Kindern. Das Zimmer war, deutsch gesprochen, ein Schweinestall. Die Kinder verrichteten ihre Notdurft in das Stroh, und nur die 17jährige Schwester versuchte, die äußerste Reinlichkeit aufrechtzuerhalten, wusch sogar bisweilen die Geschwister. Die Fenster waren geschlossen, und es stank pestartig. Die Mutter ertrug blöde ihr Los, unfähig zu helfen. Ich entsetzte mich wahrhaftig. Auch andere Zimmer zeigten mir, wie furchtbar solche Frauen in der Gefangenschaft hausten. Eine Sorge für die Kinder fand ich wohl hier und da, bei einigen Frauen sogar ausgesprochen peinlich. Manche Zimmer waren auf das korrekteste gehalten, zum Teil sogar gemütlich gestaltet, was recht schwer war, der Durchschnitt war aber entsetzen- und mitleiderregend. Als ich noch in einem dunklen Loch eine Menge Zigeunerweiber mit Kindern in eklem Schmutz fand, da bat ich den Maréchal, blasen zu lassen. Alle Kinder sollten heraustreten. Das habe ich von nun an täglich beibehalten. Immer, wenn ich auf Station war, mußten die armen Würmer an die Luft. Und was sah ich da! Unter einigen frisch gewaschenen, spielenden und fröhlichen Kindern weitaus die größere Zahl blasse, abgehärmte Gestalten, deren Jugend und Vernachlässigung in Pflege und Ernährung es mir klarmachte, daß hier der Tod fürchterliche Musterung halten würde, wenn nicht schleunigst Abhilfe geschaffen würde. Ich ging nun mit den beiden Damen ernstlich zu Rate, auch mit dem Maréchal, der wohl nicht mit Unrecht alle Schuld auf die Mütter schob. Von den Kindern litten so viele an unstillbaren Durchfällen. Die schweren Bohnen, in Fett gekocht, konnten die Jammergestalten nicht vertragen, und wunderbarerweise gab es gerade auf der Frauenstation weit konsistentere Nahrung. Milch und Milchsuppen gab es nicht, Hautkrankheiten grassierten, Läuse und Ungeziefer gab es überall, Krätze hatte sich unerbittlich fest eingenistet. Noch einmal versuchte ich, mit den beiden Damen auf einzelne Frauen einzureden, aber die Worte schlugen an taube Ohren. Die Gleichgültigkeit ist vollkommen: „Hier haben es die Kinder wenigstens warm, da draußen frieren sie und erkälten sich.“ — Es ist ihnen alles gleich, ob sie mit ihren Kindern verkümmern oder nicht. Wo ihre Männer sind, wissen sie nicht, Nachricht haben sie nicht erhalten, Hab und Gut ist zerstört, nun mag die Sintflut einbrechen. Was nützt es, gegen den Stachel zu löcken? Sie kommen mir vor wie die Armen, die im Schnee verirrt die Energie zum Weiterschreiten verlieren und das kalte Totenlaken begrüßen. Ein Elend ohne Ende; so hatte ich es in seiner ganzen Nacktheit nicht erwartet.

Das war der erste erschütternde Eindruck, den ich von dem Lager der gefangenen Frauen in Frioul hatte. Wie bitter not tat hier Hilfe! Ich wählte mir nun einen Raum zur Sprechstunde. Der Maréchal stellte mir liebenswürdigerweise eine große helle Glashalle zur Verfügung, und wir begannen nach dem Krankenbesuche die Sprechstunde.