Ich verließ recht gedrückt die Station, aber doch wieder glücklich, daß ich hier eine große Aufgabe zu erfüllen hatte. Der Major hatte mir völlige Freiheit in der Behandlung und Pflege gelassen, auch Medikamente standen zur Verfügung. Aber welche Medikamente wirken bei Verhungernden? Opium gegen Brechdurchfall, Tannin oder Wismut? Hier mußte der Unterernährung gesteuert werden, und Milch, Reis, Grieß, Sago und weiße Semmel erschienen mir die einzigen Heilmittel. — Ich ging auf dem herrlichen Wege zurück zu den Baracken, und da ich zur allgemeinen Suppe zu spät kam, aß ich im Kasino und besuchte die anderen Lager der Deutschen. Gewiß, das Elend war dort auch groß; aber man sah doch Männer, die so viel Energie bewahrten, den Kampf aufzunehmen.
Zum Kriegführen gehört bekanntlich Geld und dreimal Geld, und um Notleidenden in Kriegsgefangenschaft zu helfen ebenso. Ich wandte mich zuerst an einige Herren, die im Kasino täglich zweimal ein großes Essen zu sich nahmen und sich selber wenigstens tadellos pflegten. Auf meine Bitte, mir oder vielmehr den armen Kindern zu helfen, erhielt ich zur Antwort, das sei Sache des französischen Staates. Aber dafür konnte ich den Würmern nichts kaufen. — Ein Bote kam und rief mich von da ab wieder zur Frauenstation. Ein Kind, blaß und elend, ließ unter sich und krümmte sich vor Bauchschmerzen. Kann ich ihm helfen?
Ich suchte abends das Lager der Deutschen auf, und da fand ich Mitleid. Herr Schnell war der erste, der reichlich gab, dann die Herren Vogl, Silberberg, Moritz und Leonhardt. Keiner, den ich darum anging, versagte mir die Hilfe. Dann wandte ich mich an unsere Sisterleute und berief sie zur Versammlung. Ich brauchte ihnen nur zu sagen, daß oben deutsche Kinder hungern, und erhielt nicht zur Antwort, daß die französische Regierung für die Kinder zu sorgen hätte, sondern ich hatte kaum ausgesprochen, als auch schon der Antrag gestellt wurde, die halbe Sisterkasse, und dann die ganze, mir zur Verfügung zu stellen. Als ich erklärte, es genüge vorläufig die halbe Kasse, wurde einstimmig dies als Antrag angenommen. Später sollte ich mehr haben, wenn ich forderte. Auch erbot sich jeder einzelne zu freiwilligen weiteren Beiträgen. Auch die Matrosen kamen zu mir und stellten mir den Inhalt der Matrosenkasse zur Verfügung. In der Kantine bestellte ich für morgen fünf Liter frische Milch, Tapioka, Grieß, Eier und weißes Brot. Morgen wird Suppe gekocht. — und damit gute Nacht.
Max.
Frioul, Mittwoch, den 14. 10., abends 8 Uhr.
Liebste Armgard!
Ach, wenn in unsrer dunklen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird’s auch in dem Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt.