Ich erlebe und erlebe, und die Eindrücke sind so traurig und erschütternd. Allein das sehen, wie die verhärmten Kinder unbewußt Hilfe suchen gegen ihre stupiden Mütter, und dann die männlichen Gefangenen, deren Lager durchnäßt ist vom ewigen Regen, die erkältet sind und verzweifeln! — Es kommt mir fast wie ein Unrecht gegen die Kameraden vor, daß ich es nun soviel besser habe seit wenigen Tagen. Um wieviel besser! Nicht nur, daß ich meine kleine Holzbude für mich besitze und meine eingedeckte Strohmatratze auf Holzgestell, ich habe zu tun und kann so den bösen Gedanken wehren. Die anderen klammern sich an die Hoffnung, daß wir bald von Frioul fortkommen, nach Hause oder in ein anderes Lager, gleichviel, nur fort von hier. Und ich habe das Gefühl, daß ich Deserteur wäre, wenn ich die da oben verlasse, wo sie mich doch so nötig haben. Unsere Baracken sind schön gelegen, und ich versuche bisweilen, einige der anderen durch die Posten mit meinem laissez-passer durchzuschmuggeln. Das geht manchmal glatt, wenn die Posten gutmütig, manchmal nicht, wenn sie bösartig sind. Gestern nahm ich fünf Herren mit mir. Der Posten rief uns an. Ich zeigte mein laissez-passer. — Er: „Ja, Sie kenne ich; aber die anderen dürfen nicht durch.“ Ich bedeutete ihm, daß sie dazu da wären, Medikamente und Milch zu tragen. Da lachte er: „Fünf Mann zum Milchtragen?“ und ließ uns durch. Herrn Schnell, der seine Frau besuchen wollte, gab ich eine Terpentinflasche und ein laissez-passer „mit Medikamenten“. Unglücklicherweise war gerade oben Revision; er wurde zwar durchgelassen, mir aber bedeutet, ich möchte doch kein laissez-passer mehr ausstellen.

Doch nun zum Bericht:

Also am Montag kam ich zur Station und erzählte Frl. Schnell von dem guten Erfolg, den ich gehabt und der bewiesen wurde durch einen großen Korb mit Lebensmitteln, in dem sich auch noch gute Schokolade befand. Dann ließ ich alle Kinder herunterrufen und warten, damit sie die frische Luft genossen. Der Maréchal stellte uns die Küche zum Suppenkochen zur Verfügung. Ich bat die Damen zur Besprechung, und drei von ihnen erklärten sich bereit, die Suppe zu kochen, Frl. Brunswich, die Besorgungen in der Kantine zu übernehmen. Heute wurde für 60 Kinder Grießsuppe mit Ei und Milch gekocht. Ich ließ die Kinder antreten und suchte mir die schwächlichsten aus. So verteilten wir 60 Bons. Die Damen erzählten mir nachher, daß sie noch etwas übrig gehabt haben für einige Blaßgesichter, die ich übersehen hatte. In der Sprechstunde hatte ich auch viel zu tun, von den Damen auf das eifrigste unterstützt. Wir arbeiten uns ganz gut miteinander ein. Frl. Schnells gleich freundliche und bestimmte Art macht sie besonders für solche Pflege geeignet; ich hoffe, daß sie einmal von Grund aus hier Wandel schaffen wird. Gestern kamen mir bei meinem Besuch die Kleinen schon von selber unten entgegen; sie hatten Vertrauen gewonnen, und als ich heute mehr Bons für Semmelsuppe verteilen konnte, da streckten sich die kleinen, mageren Aermchen schon nach dem Zettel aus, und ich habe selten so hohe Befriedigung im Leben empfunden. Einige haben auch Schokolade bekommen. Der Médecin-Major und Dr. Michel, denen ich Mitteilung vom Suppenkochen gemacht hatte, schickten mir jeder 3 Fr. für die Sammlung, auch von anderen Seiten flossen Gelder zu; nur die so reichlich im Kasino essen, haben noch nichts von sich hören lassen. Aber ich kann darauf verzichten. Als ich gerade Sprechstunde abhielt, kam der Médecin-Major, der sich durchaus kollegial benahm. Er schickte zwei Patienten, die ich ihm dafür empfahl, ins Lazarett zu Marseille. Wenn ich früher Böses von französischen Aerzten gesehen, später Schamloses, so sei hier auch der Platz, lobend eines Arztes Erwähnung zu tun, der seiner schweren Aufgabe so voll und ganz gerecht wurde.

Nach der Konsultation besuchte ich noch Frau und Fräulein Schnell, die mit einer kräftigen Tasse Kaffee meine ermatteten Lebensgeister wieder auffrischten. Ihr kleines Zimmerchen mit zwei Strohmatratzen als Lager machte einen so behaglichen Eindruck, daß mancher häßliche Eindruck verwischt wurde. Ich bestellte für morgen Tapiokasuppe mit Ei und hoffe, bald den Kindern eine Schokoladensuppe zu bringen.

So ging auch heute alles seinen guten Gang. Schwerere Erkrankungen haben wir nicht zu verzeichnen, wenn auch manches von den kleinen Kindern vom Tode gezeichnet ist. Vielleicht reicht einmal das Geld, auch etwas Wäsche usw. anzuschaffen. Von seiten des Arztes, der Damen und des Maréchals finde ich das willigste Entgegenkommen. — Einzelne Fälle sind typhusverdächtig, auch Diphtherie haben wir. Die Kranken sind gut isoliert, aber ich möchte sie doch aus dem Häuserkomplex heraushaben. Ich spreche darüber mit dem Arzt; der sagt mir, daß er auch schon daran gedacht habe und beschlossen habe, ein Haus zu diesem Zwecke zur Verfügung zu stellen. Er habe an eins auf dem Wege zu den Baracken gedacht, in welchem augenblicklich die Geniesergeanten untergebracht sind. Ich sollte dort Wohnung nehmen, die Infektionsstation leiten und die Frauen- und Kinderstation weiterbehalten. Ich war natürlich sehr erfreut darüber. Der Maréchal wurde beauftragt, mir das Haus zu zeigen; ich solle ihm dann sagen, wie ich es einrichten wolle. In zwei bis drei Tagen solle der Umzug stattfinden. Auf dem Rückwege zeigte mir der Maréchal das Haus, ganz geeignet für unsere Zwecke. Es hat vier Zimmer nach dem Süden als Krankenzimmer, die ich gut mit je vier bis fünf Patientinnen belegen kann, dann ein Zimmer für mich mit Bett und Schreibtisch, daran anschließend eine kleine Küche und Apotheke. Vor dem Hause kleiner Raum und kleiner Garten, schöne Aussicht auf das Meer. Ich sagte natürlich gerne zu, bat noch, Bonitz als Pfleger dorthin mitnehmen zu dürfen; das wird wohl keine Schwierigkeiten haben. Bonitz ist natürlich von dem Gedanken sehr erbaut.

Am meisten erbaut bin ich selber. Wie anders hat sich seit wenigen Tagen mein Los gestaltet! Ich bereute fast nicht mehr, daß ich gefangen war. Ich aß im Kasino und ging dann zum Schuppen meiner Kameraden.

Dort schwirrten die seltsamsten Gerüchte. Morgen sollten 500 Elsässer fortkommen; wohin wußte keiner, wahrscheinlich nach Korsika. Das Schiff, welches bei uns im Quarantänehafen seit heute morgen lag, soll Pest an Bord haben. Die Sache der Sisterleute soll entschieden sein. In den nächsten Tagen werden alle nach der Schweizer Grenze geschafft und zur Heimat zurückbefördert. Es war wie ein Rausch, der die Aufgeregten erfaßt hatte. Endlich winkte die Freiheit. Aber es gab auch die Bedächtigen, welche böse aussagten, wir würden fortkommen, aber nur, um die schon infizierte Insel zu räumen, in neue Gefangenschaft. Wohin wußte heute noch keiner.

Mich hatte der Rausch mit den anderen ergriffen. Der Gedanke, freizukommen, war so beseligend, daß keiner das nachfühlen kann, der nicht in unserer Lage war. Und doch machte ich mir einen gewissen Vorwurf, daß ich so leicht meinen Platz, der mir so wichtig geworden war, verlassen wollte. Und wie ein Schrecken lähmte die Furcht, ich solle nur von hier fort, in ein neues Gefangenenlager, von neuem all das durchmachen, was ich vordem gelitten, und das aufgeben, was mich so froh gemacht hatte!

Das Gerücht läuft beharrlich weiter und weiter.

Bei schwerstem Regen kam ich nach Hause; er klatscht gegen das Wellblech. Man fühlt sich so köstlich geborgen nach sieben Wochen der Entbehrung. Soll ich das alles hergeben um einen Tausch, bei dem ich nicht gewinnen kann? — Aber, wenn mich das Schicksal zu Euch zurückführte, wenn das Ende der Gefangenschaft da wäre...? Ich wage es nicht auszudenken. Der Gedanke ist zu schön! Was wird der morgige Tag bringen? Ich bin sehr müde. Gute Nacht. — Vielleicht auf Wiedersehen!