Max.

Und nun folgte ein kritischer Tag erster Ordnung, den ich nie in meinem Leben vergessen werde, so voll der Freude, des Erwartens, der Aufregungen, wie ich ihn früher nie, später des öfteren erlebt habe. Am nächsten Morgen schon war die Luft elektrisch gespannt; einer sah den anderen an, ein fragender Blick, und der andere antwortete durch Gegenfrage. Etwas sollte geschehen, das war gewiß; etwas mußte der heutige Tag bringen. Ein großes Schiff fuhr in den Hafen. Die Insel Frioul sollte von Gefangenen geräumt werden, und der erste Schub, eine beträchtliche Zahl, sollte heute mittag fort. Uns Sisterleuten winke die Freiheit, so hieß es, und eine gewaltige Freudenstimmung bemächtigte sich allen. Aber bisher waren nur die 500 Elsässer aufgerufen worden, nichts weiter.

Alles ist heute in Unordnung. Fräulein Brunswich, die mich zum Einkauf in der Kantine für die Kindersuppe abholen soll, erscheint nicht. Ich mache mich auf den Weg, da es Zeit ist zum Besuche der Frauenstation. Auf der Hälfte des Weges begegnet mir Fräulein Brunswich mit dem großen Korbe. Und nun beginnt das Wetterleuchten. Aus dem großen Korbe springen die Neuigkeiten nur so heraus. „Die Elsässer kommen fort, nach Korsika oder sonst wohin. Von den Sisterleuten wird allerhand gemunkelt; Gewisses ist noch nicht heraus; das Schiff, welches gestern mit der Quarantäneflagge einlief, hat Pest an Bord; einer oder zwei sind tot, die übrigen sind als pestverdächtig heute in das Hotel de Dieu (Hospital), welches im Bereich der Frauenstation liegt, eingeliefert, um da behandelt zu werden. Man sucht manches zu verheimlichen; aber allmählich sickert es doch durch.“ Darauf fährt sie fort, man habe ihr geraten, sie solle nicht mehr heruntergehen, damit sie die Pest nicht mit nach unten trüge.

So hatte sie in erregten Worten alles heruntergebeichtet, was sie vermochte. Ich neckte sie und meinte, sie habe sich einen Bären aufbinden lassen, und die Pest, die sie herunterbringen könne, sei nur verheerend für die jungen Kriegsgefangenen dort. Aber sie blieb fest bei ihren Behauptungen, und sie hatte in allem recht.

Ich kam auf die Station. Auch hier bemerkte ich sichtliche Unruhe. Ich fragte den Maréchal, ob es auf Wahrheit beruhe, was man über die Pestverdächtigen sagte. Er bestätigte es. Ein Singhalese war kurz vor der Einfahrt in Marseille an der Lungenpest gestorben. Man hatte ihn sofort ins Meer versenkt, und einen anderen mit ihm, der auch tot oder nur krank war, oder vielleicht auch nur die ersten Symptome der Krankheit bot, so genau war das nicht festzustellen. Es waren ja Singhalesen. — Dann gingen wir nach dem Hotel de Dieu, dessen Front zum Meere, die Rückseite nach dem Hofe der Frauenstation zu lag, und trafen die nötigen Abschließungsmaßregeln. Dann begann die Sprechstunde.

Ich war mitten im Untersuchen und Verordnen, als plötzlich atemlos Fräulein Brunswich in die Halle gestürzt kam: „Herr Sanitätsrat, Sie sind frei! Alle Sisterleute sind aufgerufen, Sie kommen direkt nach Genua. Eilen Sie, das Schiff liegt schon da!“ Nun war Aufregung im Lager, aber weit mehr in meinem Innern. Ich mußte die Sprechstunde unterbrechen und mich schnell von den Damen verabschieden. Der Abschied war kurz und herzlich. Fräulein Schnell sagte wehmütig: „So sieht nun ein glücklicher Mensch aus!“ Ich tröstete sie alle, daß sie nun bald auch so aussehen würden, — ein Händedrücken, und ich verließ die Stätte, die einzige, die mir in der Gefangenschaft lieb geworden ist, und eilte fliegenden Fußes nach unten zum Lager, von einer Aufregung gepackt, die unbeschreiblich war. — Dort begegnete ich gleicher Bewegung. Einzelne Pessimisten, die wissen wollten, man führe uns in ein neues Gefangenenlager nach Korsika, kamen nicht zu Worte. Der größte Optimismus herrschte vor. Man rief mich an, ich solle eilen, den Koffer packen; in einer Stunde führe das Schiff. Nun, das Kofferpacken hat bei mir nie lange gedauert; in zehn Minuten war ich reisefertig und frühstückte noch schnell etwas in der Kantine.

Auffallenderweise waren drei Sisterleute, tschechische Priester, Barth, Kurdin und Kerlitzky, nicht aufgerufen. Sie waren außer sich, als sie so von uns getrennt wurden und nahmen in gedrücktester Stimmung Abschied. Wir waren frei, und sie blieben in alten Ketten. Gerade Barth, an den wir uns besonders angeschlossen hatten, war aufs tiefste erregt, von unserer Seite gerissen zu werden. —

Nun hieß es eiligst Abschied nehmen. Ein Motorboot schickte uns an Bord des Dampfers „Pelion“. Ein Grüßen, ein Hüteschwenken, und wir fuhren aus dem Hafen, wieder einmal ins Ungewisse; denn schon erhoben die Ungläubigen lauter ihre Stimme und warnten vor Selbstbetrug. Wir wurden im untersten Lagerraum verstaut; es fehlte uns Licht und Luft. Der „Pelion“ war einer der ältesten französischen Kästen, gerade gut genug für die „boches“. Als wir uns trotzdem einrichten wollten, wurden die oberen Lagerräume von den Elsässern besetzt, die uns das letzte Restchen Licht und Luft nahmen, und deren Anwesenheit drückend die Frage auf uns legte: Wenn die auch mit uns fahren, wie ist dann an ein Freikommen zu denken? Aber noch hielten die Optimisten den Kopf hoch: „Ganz einfach, das Schiff setzt die Elsässer in Korsika ab und fährt uns dann nach Genua.“ Ein furchtbarer Sturm. Der Kasten wackelt hin und her, schlingert und rollt, daß es eine Art hat. Aber das Schicksal meint es gut mit uns, da es uns Sturm schickte; denn die Posten, des Seefahrens nicht gewohnt, fielen ab. Einer nach dem anderen. Sie lagen zum Teil langgestreckt, das aufgepflanzte Bajonett neben sich, und erbrachen die Seele aus dem Leibe. So war ihre Wachsamkeit gleich Null; einer nach dem anderen von uns kam an Deck und schloß Eß- und Trinkhandelsgeschäfte heimlich mit den Stewards. Aber mens sana in corpore sano. Als das Meer höher ging und wir zum großen Teil kaum noch dem allgemeinen Elend entgingen, faßten seltsame Gedanken in unserem Hirn Wurzel. Wir waren an Zahl weit überlegen; ein Handstreich, und das Schiff war unser. Schiffsmannschaft, Kapitäne und Offiziere hatten wir unter uns. Und so erhitzten wir die kranke Phantasie mit seltsamen Gespinsten. Die Großredner führten das Wort und begeisterten sich an ihnen.

Wir waren noch nicht reif; wir hatten noch nicht genug gelitten; es mußte noch viel heftiger auf Nerv und Niere gehämmert werden, ehe derlei zur Tat sich gestalten konnte. Aber auch sonst, was sollte uns derlei? Wir fuhren ja in die Freiheit; in zwei Tagen sollten wir die Heimat wiedersehen. Warum vorgreifen?

Die Kommissäre waren mit uns an Bord, und auf unser wiederholtes Fragen hatten sie ihr feines Lächeln: „Staatsgeheimnis“. Und ihr Lächeln sagte dem einen „Freiheit“, dem anderen „neue Ketten“.