Wenn aber die Herren Kommissäre auch keinen Mißbrauch mit Gefühlsduseleien trieben, etwas anderes war ihnen geläufiger, das Handelsgeschäft. Und so wurden zehn Mann von uns, auch ich war unter den Auserwählten, aus lauter Freundlichkeit Kabinen eingeräumt, zu 10 Fr. pro Mann, so wurden kleine Essen veranstaltet, teuer und schlecht; der Wein stieg auf seltene Preishöhe, und das Bier, als es begehrter wurde, auf 2,50 Fr. die Flasche. Die übermütige und grobe Behandlung der Stewards erhöhte den Genuß. All das war natürlich nicht erlaubt und entsprang nur der Gutmütigkeit der Biedermänner, wie sie es selber versicherten. Sie nahmen den Abfall und füllten die Taschen.

Der Sturm heulte und der Kasten wackelte immer bedenklicher. Ich hatte mit Moritz und Bonitz zusammen eine Kabine, und was mir seit Jahren nicht passiert ist, nicht einmal im Sturm auf den kleinen Fischdampfern bei Màlaga, ich wurde so jämmerlich seekrank, daß ich alles andere Leid vergaß.

So kam der Morgen, da wir in Bastia landen sollten; denn daß dies das Ziel der Reise war, hatte die Schiffsmannschaft verraten, der auch von einer Weiterreise nach Genua nichts bekannt war. Wir waren nicht vorwärts gekommen, und so ging die widerliche Fahrt noch einen Tag länger.

Wir mußten morgens die Kabine verlassen, durften aber an Deck bleiben, da die Posten unfähig waren, Ordnung zu halten. Der Tag verging; abends durften wir für eine Zulage an die Herren Kommissäre in die Kabine zurück. Wir sollten uns nicht entkleiden, da man annahm, wir könnten schon in der Nacht ausgebootet werden.

Um zehn Uhr zeigte uns ein wüstes Johlen, Kreischen, Pfeifen und Heulen unsere Landung an. Wenn der Inhalt von zehn Affenkäfigen in voller Tätigkeit ist, so kann das Ohr nicht so gräßlich durch die höchsten Mißtöne beleidigt werden als hier durch das Kreischen der alten Weiber. Wir wurden in unsere Kabinen eingeschlossen und uns die Weisung gegeben, uns nötigenfalls darin zu verrammeln. Dann ein Hin- und Herlaufen, wir hören das Aufpflanzen der Bajonette, das Kreischen dauert fort und dringt näher. Man ruft uns durch die verschlossene Tür zu, wir sollten das Licht löschen und uns ganz still verhalten; die Menge wolle das Schiff stürmen und uns lynchen. Wir gehorchen schweigend dem Befehle. Eine unheimliche Nacht! Die Weiberstimmen überschlagen sich in Fisteltönen. Ein Ausbooten sei unmöglich, ruft man uns wieder zu, die Menge würde uns zerfleischen.

Nun habe ich zwar des öfteren gesehen, wie tapfere, alte Weiber, auch junge, durch Flaschenscherben oder Steine Unheil anrichteten; manch ein Loch im Kopfe gab davon Bericht. Aber hier erschien es mir doch noch etwas anders. So grausig auch das Menageriegeheul durch die dunkle Nacht drang, das Ganze wirkte mehr als Theater, wie das der Franzose liebt, Musica, wie der Spanier derlei bezeichnet. Es kam mir so verabredet vor, uns bange zu machen.

Dann verstummte allmählich das Geheul; Offiziere kamen säbelklirrend in die Kabinen, es wurde allerhand verlesen und besprochen, bis ein Uhr nachts etwa. Was in der Nacht durch unser Hirn gezogen, was wir alles, die wir aufgeregt horchten, aus den seltsamen Verhandlungen herausgehört haben, das übersteigt die Phantasie des kühnsten Dichters. Bonitz verstand nicht Französisch, Moritz verstand nicht Französisch, ich verstand nicht Französisch, aber jeder von uns hatte auf der Schule und im Leben so viel von dieser unangenehmen Sprache aufgefaßt, daß wir gerade in der Lage waren, uns ein Hexengesudel aus dem zurechtzumachen, was an unser Ohr klingelte: — Wut der Korsen — starke Bemannung — Schutz — Genua — Militär vermehren — wieder Genua oder etwa Genf — einige bleiben hier, andere nach — Genua! — und was immer wieder an unser Ohr schwirrte, war — Genua!

Am folgenden Morgen setzten wir unseren Fuß auf die Insel Korsika, und alle Träume der Freiheit waren begraben; wir waren von den Korsen zu Gaste geladen.

So begann das widerlichste Kapitel unserer Gefangenschaft, Casabianda. — — —