III. Casabianda.
Und wieder erfaßt mich ein ekles Entrüsten,
Durchblättr’ ich noch einmal, was hier ich gebucht.
Kaum eine Stunde hatten wir in jener denkwürdigen Nacht Ruhe gefunden. Um drei Uhr morgens schon ging das Blasen und Lärmen los; wir kamen übermüdet aus einzelnen Kabinen und tauschten nun aus, was wir erhorcht hatten. Da stießen denn die Meinungen gewaltig aufeinander. Wie wenn wir im Bremer Ratskeller geträumt hätten, so zog in verschiedenen Variationen diese gruselige Nacht an unseren Sinnen vorüber. Und dem entsprachen die Berichte. Die Kühnsten verstiegen sich dazu, gehört zu haben, daß das Schiff weiter sollte nach Genua; die Pessimisten hatten herausgehört — und daran war viel Wahrheit —, daß alle Elsässer, Dalmatiner, Tschechen usw. besser behandelt werden sollten, daß die schlimmste Behandlung die Deutschen treffen sollte. Und wieder schwirrte es durcheinander, und wie Hexenmusik klangen immer wieder die Worte „Gênes“ und „Gêneve“ durch. Die Elsässer gingen zuerst von Bord. Aber das Schiff machte keinen Dampf auf; unser großes Gepäck wurde verladen, und das kleine mußten wir in die Hand nehmen, und dann ging es herunter von dem gräßlichen Kasten zur Eisenbahn, in der wir, dicht gedrängt, in einigen Viehwagen verladen wurden. Die Bevölkerung war ruhig dank den großen Absperrungsmaßregeln, die getroffen waren. Oder war doch der ganze Empfang gestern nichts als Musica gewesen, unsere Männerherzen im Tiefsten zu erschüttern? Nun war ja manch einer von uns tapfer und manch einer weniger; aber dem Weibergekeife hätten wir wohl alle noch standgehalten.
Uebrigens wurde der Trick, uns das Gruseln zu lehren, von nun an eigentlich dauernd angewandt; ich werde noch des öfteren darauf zurückkommen. Auch jetzt kam der erste Befehl, wir sollten die Köpfe tief halten, da man für den Zornesausbruch der tapferen Korsen nicht einstehe, und da Steinwürfe oder verirrte Kugeln leicht Unschuldige treffen könnten. Es gab auch wirklich deren, die nur im Tunnel den Kopf mutig erhoben und bei jeder Lichtung ängstlich bargen. Nun ging die Fahrt vier Stunden durch die herrliche Landschaft. Auf jeder Station sah das Volk erregt in unsere Menageriekäfige, und besonders Pater Kaspar in seiner Körperfülle und braunen Kutte erregte die Menge zu den seltsamsten Ausrufen. Daß man einen ganz besonderen Fang gemacht hatte, das war schon reichlich verbreitet, und im ganzen Volke schien man es nicht anders zu wissen, als daß es der französischen Regierung gelungen sei, einen ganzen Wald voll Affen, pardon, ein ganzes Nest von Spionen, auszuheben, deren Bestimmung nur die weiße Wand sein konnte und sein würde. Auf einer Station gefiel sich ein hämischer Pfaffe besonders darin, uns Eingepferchte für die Zertrümmerung der Kathedrale in Reims verantwortlich zu machen, und mit Entsetzen sah man auf die Heiligtumschänder, bis sich die Menagerie wieder in Gang setzte. Innerhalb der Tierkäfige ging es friedlicher zu. Manch einer hatte sich auf dem Schiffe mit Vorräten, Wein und Atzung, versorgt. Die Flasche kreiste, und der gutmütige Soldat, der uns mit aufgepflanztem Bajonett bewachte, wurde so reichlich bewirtet, daß er, ermüdet, den Schlaf des Gerechten schlief, nachdem er noch mit Aufbietung der letzten Willenskraft Herrn Kuchenbecker, einem alten, weißbärtigen Herrn, seine Mordwaffe vertrauensvoll in die Hand gedrückt hatte. Wer das Bild gesehen, Herrn Kuchenbecker an der Seite des schlafenden Soldaten, als Wächter französischer Ordnung, der wird es so bald nicht vergessen. Endlich langten wir in Aleria an, wo wir ausstiegen. Ein Hauptmann der Forestiers auf einer merkwürdigen Rosinante mit einer Schar von Förstern empfing uns, und nun ging es langsamen Schrittes — wir mußten uns dem Gang der Rosinante anpassen — nach Casabianda. Dort waren schon einige Militärgefangene interniert. Man führte uns in eine Halle, wo einige Offiziere die Begrüßungsformeln, Abnahme von Messern, Streichhölzern und ähnlichen Artikeln vornahmen. Dann gab es ein freudiges Wiedersehen mit der uns so wohlbekannten Kohlsuppe. Die Sonne neigte sich, und wir sanken ermüdet ins Stroh. Ein großer Kübel wurde uns als nunmehr unentbehrliches gemeinsames Gerät ins Zimmer gestellt. Immerhin hatte er wenigstens einen großen Holzdeckel. Die Wachen traten heraus, und die Riegel klirrten. Noch ein kurzer Besuch, Feststellung, daß wir alle da wären, und wir blieben uns selber überlassen.
Am nächsten Morgen ging das alte Rezept los. Wir sollten das Gruseln lernen. Zu dem Zwecke rief der Offizier, Herr Simeoni traurigen Angedenkens, einige, die Französisch sprachen, zusammen und sagte ihnen, sie sollten es weiter unter uns verbreiten, daß die große Wachsamkeit, die sie an uns verschwendeten, zu unserem Besten sei. Die Korsen seien gefährlich und haben uns Tod geschworen. Sie sähen in uns allen Spione, und wir seien vor ihren Dolchen nicht sicher. Auch wenn wir herausgelassen würden, dürften wir nicht einen Schritt außerhalb der Umfassungsmauern uns wagen, da der Kommandant ausdrücklich gesagt, er stünde für keinen derartigen Unfall ein. — Also sprach Simeoni. — Er war ein Mann, der von der Pike auf gedient, bei der Fremdenlegion avanciert und schließlich Offizier geworden war. Dem entsprach er ganz. Er war groß, kräftig, trug einen martialischen Schnauzbart und gefiel sich in starker Pose. Er bekam bald den trefflichen Namen „der Operettenleutnant“. Ich beschäftige mich mit dem Mann genauer, weil er berufen war, eine schwere Rolle in unserem künftigen Schicksal als Gefangene und auch in dem meinen zu spielen.
Bei der Revision der Koffer, die programmäßig am zweiten Tage nach dem Quartierwechsel stattfand, passierten wieder einige kleine Humoristika. Eines will ich berichten: Dr. Bayer hatte ausländisches Geld bei sich, das der untersuchende Korporal mit besonderer Neugier betrachtete. Wessen Kopf ist das? — Kaiser Franz Joseph. Und der? — König Georg von England! Ein bewunderndes Ah! Und der? — Kaiser Wilhelm. — Da verzerrten sich die Züge des Korsen, und er warf das Geldstück klirrend auf den Boden. Wilhelms Name ist Kinderschrecken, aller Haß entlädt sich auf unseres Kaisers Haupt. Einen Schuldigen will das Volk haben, und im Fälschen der Geschichte sind sie Meister.
Unsere Lager werden nun genau bestimmt. Ich teile wieder mit Bonitz eine Matratze, wir sind aneinander gewöhnt. Abends erfaßt mich ein dumpfer moralischer Schmerz. Warum nahm man mich von Frioul fort, von meiner Tätigkeit, ehe ich sie eine Woche nur ausgeübt hatte, und was tue ich hier? Nun ging das Verzweifeln von neuem los, und es wuchs uns über den Kopf und wuchs zu einer solchen Stärke, daß wir ihm nicht wehren konnten, wir gerieten in wirkliche Gefahr, nach innen und nach außen.
Schön liegt Casabianda, der Neid muß ihm das lassen. Als uns die Terrasse freigegeben war, atmeten wir auf und genossen in vollen Zügen die reine Luft und die prächtige Aussicht. Vor uns, fast greifbar, nur durch Wiesen von üppigem Grün und kleine Waldungen getrennt, ragten in riesiger Kette die schneebedeckten Berge Korsikas empor. Der Anblick ist imposant, und er imponierte uns heute und er erfreute uns heute noch, auch noch am anderen Tage und einigen folgenden; dann aber erwachte wieder das quälende Bewußtsein, daß das nichts anderes sei als vergoldete Stäbe unseres Käfigs, und daß wir anderes zu tun hätten, als arbeitslos uns der Natur zu erfreuen. Und als uns so auch die Freude an der Natur genommen war, begann unser Leiden immer drückender die Brust zu beengen, daß wir fast zu ersticken meinten. Ein Etwas trat damals in die Erscheinung, das uns fast das Unerträglichste dünkte. Aus unseren eigenen Reihen traten einige hervor, die, der französischen Sprache kundig, sich dazu hergaben, ein gewisses Kommando über uns sich anzumaßen, unterstützt von der französischen Behörde. Es war natürlich, daß bei einer immer wachsenden Zahl von Gefangenen Disziplin herrschen mußte. So wurden wir in Gruppen und Sektionen eingeteilt, welche ihre Gruppen- und Sektionschefs hatten, für jedes Zimmer war weiter ein Zimmerältester verantwortlich. Zu diesem Posten waren nur solche möglich, welche Französisch gut sprachen. So war die Auswahl beschränkt, und es sind nicht immer die Taktvollsten, leider auch nicht immer die Besten gewesen, welchen solch Posten zugewiesen wurde.