Die Korsen hatten in Maurer ein gutes Medium gefunden, uns aufzuregen, nur hatten sie nicht bedacht, wie lange sich unser Haß zurückdrängen ließ, ohne zum Ausbruch zu kommen. Es war in ihnen von Anfang an die Lust wach, uns bis aufs Blut zu reizen, und dieser Lust frönten sie, wie ich es später noch zeigen werde, bis zum Satten. Der Spanier quält Tiere, ist aber gutmütig zu Menschen, der Franzose aber quält Menschen mit Lust, mit satter Lust. Was nun alles zu einem wilden Gebrodel in dem Höllenkessel von Casabianda vereinigte, war die verdammte Gleichheit unter den Franzosen und übertragen auch auf uns. Das habe ich nie so ausgeprägt empfunden als in jenen Tagen in Casabianda, „dort, wo es keinen Herrn und keinen Diener gibt“. Das mag schön klingen, aber für den souveränen Pöbel paßt es nicht. Einer dient nicht etwa dem anderen, sondern die Sucht, Herr zu sein über den anderen, ist nie so ausgeprägt wie hier. Wer nicht Herr sein kann und aufsteigen, der tut alles, hernieder zu ziehen; nur keinen Besseren anerkennen! Keine Autorität! Der gemeinste Schwätzer soll dem Denkenden gleichstehen. Der Kommandant, Herr Teissier, war ein Mann von Formen und Anstand, nicht gutmütig, aber entgegenkommend. Was wir anfangs für Gutmütigkeit hielten, war Schwäche, er konnte nicht „nein“ sagen, zu uns nicht, aber weniger noch zu seinen Untergebenen, und das führte naturgemäß zu Wirkungen. Der Operettenleutnant und allen voran der Arzt führten Regiment über ihn, diese an bevorzugter Stelle. Aber auch jeder Forestier, jeder Gendarm fühlte sich als Kommandant. So passierte folgendes, was etwa typisch für die Verhältnisse in Casabianda war:
Ich genoß als Arzt eine gewisse Ausnahmestellung, welche zwar nicht im entferntesten derjenigen glich, die ich in Château d’If und Frioul gehabt hatte, die mir aber doch Freiheiten sicherte. So hatte ich keine Arbeit zu verrichten, trug ein laissez-passer, ausgestellt vom Kommandanten, bei mir, das mich berechtigte, die Posten jederzeit ungehindert zu passieren. Das ist ein Vorteil oder sollte einer sein. Als ich eines Tages mir aus der Kantine etwas besorgen wollte, ging ich am Posten vorbei, der mich anhielt. Ich zeigte ihm das Dokument, woraus er mir achselzuckend bedeutete, das sei ihm ganz gleichgültig. Ich pochte etwas energischer auf meine Rechte und bekam nun die Antwort, die wir von nun an zu allen Gelegenheiten und fast täglich hörten: „Ich sch..... auf den Kommandanten, der Kommandant bin ich!“ — Ich geriet in Wut und wollte nun gerade durchdringen, weil ich damals noch reichlich harmlos über Machtbefugnisse des Kommandanten dachte; aber schon hatte der Kerl im Augenblick seinen Revolver entblößt, setzte ihn mir auf die Brust und sagte: „Einen Schritt weiter, und ich schieße Sie tot.“ — Dieser Logik gehorchend, zog ich mich zurück und beschloß, über solches Vorgehen, das mir damals noch unerhört erschien, mich beim Kommandanten zu beschweren. Das geschah am nächsten Tage. Der Kommandant war außer sich über die Rücksichtslosigkeit des Forestiers und schrieb eine äußerst strenge, aber immerhin weise und gerechte Maßregelung einer solchen Insubordination auf mein laissez-passer als Zusatz. Nun hatte ich das drohendste aller Schriftstücke in der Hand, aber versucht habe ich nie mehr, die Kraft solchen Talismans zu erproben. — Wie gesagt, wo es nur am Platze war oder sein konnte, gebrauchte man das Wort: „Ich pfeife.“ Jeder Forestier (ich drücke mich sehr gewählt aus) pfiff auf den anderen, die anderen auf ihn und mit ihnen zusammen auf den vorgesetzten Offizier, dieser auf sie und auf die anderen Offiziere, und dann wiederum in Gemeinschaft mit dem Arzt, auf den sie alle pfiffen, und den anderen Offizieren auf den Kommandanten. Nur dem armen Kommandanten blieb im Lager nichts zu pfeifen, so mußte er sich schon höher hinaufbemühen. So herrschte ein Geist der Unordnung in Casabianda, der allem hohnsprach, was ich im militärischen Leben für möglich gehalten hätte, der Geist des souveränen Pöbels.
Casabianda, 10. November 1914.
Liebste Armgard!
Der letzte Brief, der wirklich an Dich abging, war eigentlich nicht für Dich berechnet, sondern für den Kommandanten. Ich schrieb ihn in gewisser Verzweiflung, um das Ohr des Kommandanten zu erreichen, das uns der Erste Offizier künstlich verschließt. Der Herr Maurer hatte mich dazu getrieben. Wiederum war ich zum Leutnant Simeoni gerufen, der mir sagte, daß der Geist der Rebellion in unsere Reihen gedrungen sei, und daß ich der Rebellenführer sei, der die anderen aufhetze. (Ich hatte meine Lampe erst fünf Minuten nach 9 Uhr statt Punkt 9 Uhr ausgemacht.) Er wolle heute noch Rücksicht nehmen, auch habe er das nur im allgemeinen gehört, nicht etwa durch Mr. Moré (das war gelogen, denn Mr. Moré hatte sich wieder einmal gebrüstet, daß er es dem Sanitätsrat eingebrockt habe). Er wollte also von Bestrafung absehen, aber wenn ich es noch einmal wagen sollte, mich beim Kommandanten zu beschweren, so würde er (der Kommandant bin ich) mich auf zwei Tage einsperren.
Ich hatte es satt und suchte das Ohr des Kommandanten durch den Brief an Dich, in dem ich Dir alle Schandtaten des Mr. Moré aufzählte, in der Sicherheit, daß er die Zensur nicht passieren, daß aber der Kommandant ihn lesen würde. Nun höre ich, daß er ungelesen durchgegangen ist, der Kommandant hat ihn gar nicht zu Gesicht bekommen, sein Zweck ist verfehlt, Dich hat er höchstens geängstigt. Das habe ich nicht gewollt! — Neulich bekamen wir den ersten Sold in französischen Diensten, auch die Priester und Aerzte, die nicht gearbeitet haben. Einen Sou pro Tag, ich erhielt 4 Sous. Es werden noch mehrere kommen, die will ich für Hans bewahren. Ein Memento!
Unser Los ist unerträglich. Doch da es eben ertragen werden muß, solange psychische und physische Kraft standhalten, so will ich nicht jammern. Viele andere haben schwereres Los zu tragen, nur nicht so elend, so gedemütigt wie wir. Ich klammere mich nur noch daran, daß, wenn wir unseren alten früheren Stolz ganz eingesargt haben, ein neuer geläuterter Stolz entstehen wird. So muß es wohl kommen. Es ist unendlich schwer, die täglichen Demütigungen, die stündlichen Nadelstiche zu überwinden, den Hohn des Pöbels und unsere Ohnmacht. Manchmal meine ich, daß wir vom Propheten von Nazareth lernen dürften, dessen Stirn-, Hand- und Fußmale leuchteten als Sinnbild seines Stolzes. Wenn wir uns erst dazu durchgerungen haben werden, Schmähungen und gewollte Demütigungen unserer Feinde als Ehre zu empfinden! — Ich glaube, ich komme solcher Auffassung näher, heute kann ich mich noch nicht zu ihr aufraffen.
Zurück aus dem Feindesgewoge zur Idylle. Wir hatten eine Eingabe gemacht, man möchte uns gestatten, in einer Küche, die wir uns provisionell einrichten wollten, für einige Herren selber zu kochen. Die Eingabe ist günstig beschieden und uns ein kleiner Raum neben der Küche zur Verfügung gestellt, in welchem wir zwei kleine Herde aufstellen konnten. Zum Küchenchef bin ich erhoben, wieder eine der vielen Wechselstufen in meinem bewegten Leben. Präsident der Republik Château d’If, Chefarzt der Frauen- und Kinderstation in Frioul, Oberkoch für die Zuchthäusler mit garantiertem Mehreinkommen! — Was winkt mir noch? Der Pfad scheint etwas abschüssig, aufwärts weist er nicht. Aber ich habe doch etwas zu tun. Der Arzt hier, ein junger Mann, ebenso abstoßend wie gesucht freundlich, hat sich mit Heller stark überworfen und ihm jedes Eingreifen in die Behandlung von Kranken, auch jede Bestellung von Medikamenten untersagt. Ich selber bin mit dem Knaben noch nicht recht in Berührung gekommen. In unseren Räumen sieht man ihn nicht, trotzdem er da oft genug not täte bei der wachsenden Dysenterie. Einen Toten hat sie schon gefordert.
Wenn ich also für den Magen der anderen sorge, so leiste ich ärztlich mein gut Teil, denn die Verpflegung ist erbärmlich, und die Fälle der Dysenterie sind zum großen Teile der Unterernährung zuzuschreiben.
Moritz und Radei sind mir zugeteilt. Radei versteht die Küche schon und kocht selbständig, Moritz gibt sich der neuen Schule mit bewunderungswürdigem Eifer hin. Wir kochten am Tage der Eröffnung ein recht einfaches Gericht, Rindfleisch mit Gemüsesuppe. Es war dasselbe wie in der Menage, und doch, wie anders! Uns mundete es kostbar, wie am heimatlichen Tisch. Alles, was wir bisher vermißten, Kraft in der Bouillon, Verschiedenheit in den Gemüsen (Kohl hatte ich ausgelassen), ein weiches und großes Stück Fleisch, ganz durchgekocht, fanden wir hier. Radei und ich übernehmen jeder abwechselnd die Garantie für gutes Essen. Am nächsten Tage kochte der „ungarische Professor“ sein Gulasch, das allgemeinen Beifall fand. Heute sitze ich nun frühmorgens 6½ Uhr bei scharfer Kälte oben in meiner offenen Küche und habe glücklicherweise so viel an die Mäuler der Fresser zu denken, daß ich den trostlosen Gedanken keinen Raum geben kann. So geht mein Leben in dem neuen Beruf Tag für Tag zu wie folgt: